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Fruehling in Kabul

Die gefaehrlichsten Tage sind wohl die, in denen wir uns in Sicherheit waehnen. Die Tage, an denen die Sonne auf unsere entspannten Gesichter scheint, waehrend wir mit dem Minibus durch die Stadt von A nach B fahren. Die Tage, an denen die Kinder und Frauen im Park zu gelassen scheinen. Die Tage an denen das Handy klingelt und jemand fragt: “Wo bist Du? Ist alles ok?!”

Es ist nichts neues, dass es Angriffe in Kabul und genereller gesagt, in Afghanistan gibt. Nichts neues, dass es Menschen gibt, die mit Raketen auf Regierungsgebaeude schiessen und sich in die Luft sprengen um andere Menschen zu toeten. Und doch gibt es soetwas wie einen intendierten Ueberraschungseffekt, wenn nach einem allzu ruhigen Winter, der als eisige Waffenruhe zu verstehen ist, die Kampfsaison wieder eroeffnet ist.

Doch wie fuehlt sich das an, gerade in solch einer Stadt zu wohnen?”

Wenn ich darueber nachdenke, was es fuer mich oder andere bedeutet, dann kommt mir immer wieder Kafkas Worte in den Kopf:

“Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen vor einander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.”

Denn fuer jeden Menschen wuerde solch ein Tag anders sein, je nachdem ob man mitten drin steckt oder nur etwas durch Nachrichten und Anrufe erfaehrt. Was zunaechst einmal auffaellt und immer wichtig ist im Kopf zu behalten: auch bei sieben Angriffen gleichzeitig in einer Stadt, sind es nur bestimmte Bereiche der Stadt, in der gekaempft wird. Andere Stadtteile sind vollkommen ruhig. Der Baecker backt Brot, die Kinder spielen auf der Strasse, das Leben geht weiter. Es kann sein, dass Strassen gesperrt sind und es daher zu Staus kommt. Es ist aber nicht so, dass die gesamte Stadt im Chaos versinkt.

Ein anderer bemerkenswerter wie logischer Faktor: sobald etwas passiert, intensiviert sich die Kommunikation und der Austausch. Anrufe und SMS gehen von einem zum anderen um abzuchecken, ob es allen gut geht. Nachrichten werden weiter gegeben und es wird ge-twittert. Bevor ich nach Kabul kam, hatte ich Twitter als eine moderne narzistische Stoerung abgetan. Eine selbstverliebte Darstellungskunst der neuen Medien um sich selbst und jeden noch so unwichtigen Gedanken in den Mittelpunkt der “Follower”zu stellen. Nachdem ich selbst einmal nichtsahnend irgendwo sass und Anrufe mit zerstueckelten Bruchstueckchen von Informationen reinregneneten, weiss ich schnelle Nachrichtenuebertragungen mehr als genug zu schaetzen. Information kann nicht nur das Leben erleichtern, sondern auch retten, indem man weiss, wohin gehen –und wohin besser nicht.

Und ist es nun Chaos und da wird jetzt gekämpft, geschossen und Raketen wissen nicht wen sie treffen? Nicht wirklich. Es gab ca. 20 Stunden in verschiedenen Teilen der Stadt Angriffe und Gefechte. Aber es waren keine anarchischen Strassengefechte, in denen auf Passanten geschossen wurde. Es waren geplante und zielgerichtete Angriffe auf Einrichtungen, bei denen die meisten Zivilisten oder Angestellten, die dort arbeiteten, in Bunkern abwarteten waehrend die Sicherheitstruppen draussen kaempften. Dabei stehen sich auch zwei Narrative gegenueber (gute zusammenfassende Darstellung gibt es bei Afghanistan Analyst Network). Im Westen: ‘Kabul versinkt im Chaos’und in Afghanistan: ‘die afghanischen Sicherheitstruppen haben so gute Arbeit geleistet wie noch nie zuvor’. (Schliesslich gab es kaum Tote und wenige Verletzte, gemessen an dem Ausmass der Angriffe.)

Diese Banner tauchten seit gestern ueberall im Netz auf. Einige haben es als facebook oder skype Hintergrund in ihren Profilen

Diese Banner tauchten seit gestern ueberall im Netz auf. Einige haben es als facebook oder skype Hintergrund in ihren Profilen

Und die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, daneben und wie immer bei Uebertreibungen, darunter. Unter den Pressenarrativen, in den Geschichten der einzelnen. Von denen, die vorm Fernseher sassen und es verfolgten, waehrend sie Freunde und Angehoerige anriefen. In den Geschichten derjenigen Journalisten, die hinliefen, wo andere lieber weggelaufen waeren. In den Strassenzuegen in denen debattiert wurde, was nun gerade wo passiert und in den stillen Blicken ueber der Stadt, die keine eindeutige Antwort auf alles hat.

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Lockdown

“Everyone is on lockdown”

I look around me. The café that usually sprawls over with expats around this time of the day looks back at me, bored and kind of deserted. As if left alone by lovers that didn’t  come to please the affluent mind with chit chatter and the usual NGO affairs that sink into the red sofas and web the carpet of the expat life.

Empty Flowerstreet Cafe

Empty Flowerstreet Cafe

Adam looks up from his laptop, shrugs his shoulders: “it can’t be that bad.”

“Why?” I had just gotten a text message telling me about the recent lockdown for the embassy and UN people, meaning that they were not allowed to move outside of their compound and no one who doesn’t work there is allowed in. The only people sitting in the café, is us. Us, who don’t have any security restrictions, no compound to crouch away into, no time limits when to be back home and no rules to break.

“If there was an attack expected then they might cut the phone lines so that the Taliban can’t communicate with each other…”

Mmh…all our mobile phones still work. We both nod and get back to work. A usual day in Kabul. In all its weirdness.

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Lockdown (German version)

‘Alle sind in lockdown’

Ich schaue mich um. Das Café, das normalerweise um diese Uhrzeit von Auslaendern (Expats genannt) ueberfliesst, blickt zurueck, gelangweilt und allein. Als wenn es von seinen Liebabern verlassen worden waere, die normalerweise mit ihrem Smalltalk ueber ihr Expat-Leben und den ueblichen NGO Affaeren die Gemueter der roten Sofas und Teppiche fuellen.

Adam schaut von seinem Laptop auf und zuckt mit den Schultern: “ So schlimm kann es nicht sein.”

“Warum?” Ich schaue auf meine SMS, die mir gerade von dem letzten ‘Lockdown’ fuer UN und Botschaftsangehoerige berichtet. ‘Lockdown’ bedeutet, dass ihnen weder erlaubt ist, sich ausserhalb ihres Gebaeudekomplex zu bewegen und niemand, der nicht gerade fuer ihre Organisation arbeitet, in ihren Compound rein darf. Die einzigen, die im Café sitzen, sind wir. Wir, die wir keine Sicherheitsbestimmungen haben, kein Gebaeudekomplex aus dem wir uns heimlich heraus stehlen muessten, keine Zeitlimits, wann wir wieder ‘zu Hause’ sein muessen und keine Regeln, die wir brechen koennten.

“Wenn es wirklich einen Anschlag zu erwarten gaebe, dann wuerden sie die Telefonleitungen kappen, damit die Taliban nicht mehr unter einander kommunizieren koennen..”

Mmmh…unsere Handys funktionieren noch. Wir nicken uns zu und gehen beide wieder an die Arbeit. Ein normaler Tag in Kabul. In all seiner Merkwuerdigkeit.

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Ice-cream heroism

My first act of heroism manifested itself in ice-cream. Tolo-e-super ice-cream to be diligent.

 

What’s heroic about ice cream? And why do I make such a fuss about it?

 

When you are new in a place, the first thing to do is to learn the rules. Either from locals -cause they know best- or from other internationals -cause they’re in the same situation as you are. Being in Afghanistan brings up a new dimension of questions for me. I have lived in Pakistan, ignoring the advice of locals sometimes to take taxis on streetcorners and flying busses, to walk in the streets and sip on freshly made mango lassi or a chai, ignoring the stares of local men. I did this because I felt I could. I behaved like I did because it felt safe. And because I was curious and interested and wanted to know. My partner and travel companion uses to remark these days: Afghanistan is not Pakistan. You can’t just behave like you did there.

But how to behave then? My German way doesn’t apply, my turkish or pakistani ways do not apply. So what now?

 

Being new in a place one has to adjust your own parameters about safety, about knowing what the others say and knowing where it’s best to listen to or where you can stretch the limits.

 

The first day of waking up in this new country I don’t know all this yet. I know that other NGO-workers have told me to stay inside because it’s Eid and the situation seems tense. (Later I should find out that most of them would never be able to take a walk outside even if they wanted to, because the security restrictions of their workplaces won’t allow it…) The receptionist of my guesthouse on the other hand says that walking around in the nearby park and area will be fine. But he is a man. What men can do and what women can, are two different pairs of shoes in this country. What locals or local looking people can do in comparison to what a middle european fair skinned and blond haired woman can or especially can’t do, is again another thing.

 

Will it be alright to leave the walled guesthouse and take a walk? Even by knowing that ‘talking a walk’ is a very european thing and was not well understood in Pakistan when I as a woman just wanted to stroll along. -remembering the moments of people staring and others asking me whether I knew that there existed taxis-

 

So I put on my coat -which is less for weather reasons than for feeling safer in another layer-, straighten my headscarf to hide my blond hair, put some Afghani (the local currency) into my pocket and walk out the door. Two times – as there is a security check and afterwards a second door. Walking along the street I see cars rushing by, young men walking in groups, children playing on the nearby playground. No women, just two young girls taking a walk from one house to the next in their new shiny Eid-clothes (Eid is celebrated like in Germany christmas: you buy new clothes, gifts for your family, visit relatives and eat together huge amounts of food). I walk along the street, feel the tension in me, in my shoulders shrugged up as if to protect me from side. I tell myself to relax. I tell myself to look and observe. There’s a cinema close by with placats of the newest movies -all unknown to me- plastered over the walls. In front stands a table- soccer with a crowd of young Afghans playing. There are street stalls with food. There’s a burger place and and an ice cream place. There I’ll go, I tell myself, waiting for the cars to open up the chance to cross the street. I walk straight towards it, ignoring stares of men, listening to the loud music some youngsters have put on in a car around the corner, a young man miming to dance to it, open laughter. I ease my pace.

 

Entering Tolo-e-super ice cream with the two young girls in front of me, I register that the room is filled with men. I walk to the counter, ask for icecream and wish ‘eid mubarak’ (a happy Eid festivity) to the sellers who stare wondering at me as I leave. The ice cream has whole pistacious on it, consists of four different sorts, topped with a sauce and a biscuit.

 

Calmer I stride back towards the guesthouse. The guard wonders as he sees me. And I wonder too as I have walked with my fear hand in hand my first metres. A fear based on not knowing and on believing that anything might be possible. I still don’t know the rules. Neither if I kept or broke them. But I will learn them. To understand, keep and sometimes break them.

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Eiscreme-Heldin

Meine erste Tat als Heldin manifestierte sich in Eiscreme. Tolo-e-super Eiscreme, um genau zu sein.

 

Aber was ist so heroisch an Eiscreme? Und warum mache ich darum so einen großen Wirbel?

 

Wenn ich an einem neuen Ort bin, versuche ich zuerst meine Hausaufgaben zu machen und die Regeln zu lernen Entweder von den Einheimischen -weil die es am besten wissen- oder von den anderen internationalen Leuten -weil sie in der selben Situation stecken. In Afghanistan zu sein ist eine ganz neue Herausforderung in dieser Übung. Ich habe vorher in Pakistan gelebt und auch dort manchmal die Ratschläge von Einheimischen ignoriert um Taxis oder die sogenannten ‘fliegenden Busse’ an Straßenecken anzuhalten,  irgendwo entlang zu schlendern und frisch gepresste Mango Lassis oder Chai (Tee) zu trinken während ich das Starren der einheimischen Männer ignorierte. Ich machte das, weil ich das Gefühl hatte, dass ich es konnte und weil ich mich sicher fühlte. Und weil ich neugierig und interessiert war und wissen wollte, wie die Dinge so sind. Mein Partner und häufiger Reisebegleiter sagte mir dieser Tage: Afghanistan ist nicht Pakistan. Du kannst dich nicht einfach verhalten als wenn du dort wärest.

Aber wie soll ich mich verhalten? Meine deutsche Art ist nicht die richtige, meine türkische und pakistanische passt aber auch nicht. Was tun?

 

Neu an einem Ort zu sein bedeutet seine eigenen Sicherheitsvorstellungen neu einzupegeln. Anderen zuzuhören, was sie zu sagen haben und langsam zu lernen, wo es besser ist das zu tun was sie sagen und wo man auch die Grenzen manchmal überschreiten kann.

 

Als ich an diesen ersten Tagen in diesem neuen Land aufwache, weiß ich all das noch nicht. Ich weiß, dass andere NGO-Arbeiter mir gesagt haben, dass ich lieber drinnen bleiben sollte, da es Eid wäre und die Situation eher angespannt sei. (Später sollte ich herausfinden, dass die meisten selbst wenn sie wollten, nie draußen spazieren gehen können, da die Sicherheitsvorschriften ihrer Organisationen das nicht erlauben…) Der Rezeptionist meines Gästehauses sagte auf der andern Seite, dass es gar kein Problem sei in der Gegend und im nahe gelegenen Park spazieren zu gehen. Aber er ist ein Mann. Und was Männer dürfen und was Frauen erlaubt ist, sind zwei paar verschiedene Schuhe in diesem Land. Was Einheimische oder einheimisch aussehende Menschen können im Vergleich zu mitteleuropäischen, hellhäutigen, blonden Frauen, ist wiederum etwas ganz anderes.

 

Wird es in Ordnung sein, wenn ich das umzäunte Gästehaus verlasse und einen Spaziergang mache? Auch wenn ich weiß, dass „einen Spaziergang machen“ etwas sehr europäisches ist und selbst in Pakistan nicht wirklich verstanden wurde? Dort wurde ich, als ich alleine als Frau von einem Ort zum anderen ging, gefragt, ob mir bewusst sei, dass es auch Taxis gäbe…

 

Also ziehe ich meinen Mantel an, was weniger mit dem Wetter zu tun hat als mit dem Sicherheitsgefühl von einem mich umschließenden weiteren Kleidungsstück. Ich lege mein Kopftuch um, welches mein blondes Haar größtenteils verdecken wird, stecke mir ein paar Afghani (die einheimische Währung) in meine Taschen und gehe aus der Tür. Zwei Mal, da es nach dem Sicherheitscheck noch eine zweite Tür gibt. Beim durch die Straßen gehen sehe ich die vorbei schnellenden Autos, junge Männer, die in Gruppen gehen, Kinder auf dem nahe gelegenen Spielplatz. Keine Frauen, nur zwei kleine Mädchen, die mit ihren neuen funkelnden Eid-Kleidern von einem zum anderen Haus gehen (Eid ist sowas wie in Deutschland für viele Weihnachten: neue Klamotten werden gekauft, es gibt Geschenke für die Familie, Verwandte besuchen sich gegenseitig und es werden Unmengen von Essen vertilgt). Ich gehe die Straße entlang, fühle die Spannung in mir, meine Schultern hochgezogen als wenn sie Blicke abwehren könnten. Ich rede auf mich selbst ein, zu entspannen. Ich sage mir, schau es Dir an und beobachte. Da gibt es ein Kino in der Nähe, in dem die neusten Filme gezeigt werden -alle mir unbekannt- . Davor steht ein Kicker mit einer Traube junger Afghanen drum herum, die fieberhaft gegeneinander in Teams antreten. Da gibt es Straßenstände mit Essen und ein Burger-Restaurant und einen Eiscremeladen. Da werde ich hingehen, sage ich mir selbst, und warte auf eine Gelegenheit um zwischen den Autos hindurch die Straße zu wechseln. Ich gehe schnurrstracks darauf hinzu, die Blicke der Männer ignorierend. Ich höre die laute Musik, die aus einem Auto mit ein paar Jugendlichen plärrt. Ein junger Mann tut als wenn er anfangen würde zu tanzen, begleitet von heftigem Gelächter und Gejohle. Mein Schritt wird leichter.

 

Als ich den Tolo-e-super-Eiscreme-laden betrete mit den zwei jungen Mädchen vor mir, registriere ich, dass der Raum nur mit Männern gefüllt ist. Ich gehe zum Tresen, frage nach der Eiscreme und wünsche dem Verkäufer ein ‘eid mubarak’ (ein fröhliches Eid-Fest), der mir nur verwundert hinterher starrt als ich gehe. Das Eis hat Pistazien oben drauf und besteht aus vier verschiedenen Sorten, gekrönt mitr Sauce und einem Keks.

 

Ruhigeren Schrittes gehe ich zurück zu meinem Gästehaus. Der Wachmann wundert sich als er mich sieht. Und ich wundere mich auch, da ich die ersten Meter alleine Hand in Hand mit meiner Angst spazieren gegangen bin. Eine Angst, die ihre Kraft aus Unwissenheit und dem Glauben, dass alles möglich ist, speist. Ich kenne die Regeln immer noch nicht. Weder ob ich sie gehalten oder gebrochen habe. Aber ich werde sie lernen. Um sie zu verstehen, zu halten und manchmal zu brechen.

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Loya Jirga oder was der Verkehr flüsterte

Nachdem ich angekommen war und meine ersten Tage ‘zuhause’ (im Gästehaus) verbracht hatte, da gerade Eid-ul-Adha gefeiert wurde – das Büro war geschlossen, alle Afghanen verbrachten Zeit mit ihrer Familie, Geschäfte waren zu und ansonsten nicht viel zu tun- war ich heilfroh als ich anfangen konnte zur Arbeit zu gehen, da es mir ermöglichte ein besseres Gefühl für diese lebendige Stadt zu bekommen. Aber wie es nunmal so geht, fiel Kabul von einem Extrem ins andere. Die Loya Jirga überschattete die Straßen mit luxuriös langen Verkehrsstaus und beschehrte mehrere Tagen an denen wieder frei war und die meisten ausländischen Angestellten aus Sicherheitsgründen nicht raus durften. Aller Erwartung nach schien die Loya Jirga ein hervorragendes Ziel für Angriffe der Taliban zu sein. Tage zuvor wurden Gerüchte gestreut, dass den Taliban interne Pläne der Loya Jirga zugänglich gewesen seien und sie über alle Vorgänge Bescheid wüssten. Trotz der Tatsache, dass die Regierung dies dementierte, kroch eine Unsicherheit durch die Straßen und nistete sich als Unterton in das Gefühl der eifrig herumwuselnden Menschen. War dies ein Bluff gewesen? Meine Kollegen schauten nervös aus dem Auto auf die vorbeifahrenden Fahrzeuge. Waren die Taxis so tief gelagert weil sie schwer mit Sprengstoff beladen waren? Was machte der große Bus neben uns? Und könnte der Krankenwagen dort drüben nur vortäuschen Kranke abzuholen und in Wirklichkeit waren die Uniformen der Männer drum herum im nahe gelegenen Bazar erstanden und tarnten nur die Selbstmordvesten?

Die Situation wurde immer angespannter und es wurde unangenehm irgendwo für mehrere Stunden im Stau zu stehen. Und das nicht nur wegen dem Warten….Aber was war denn dieses Loya Jirga Ding von dem jede_r redete?

Die Loya Jirga (übersetzt: große Versammlung) is ein Treffen von über 200 everyone on the go...streets in KabulDelegierten aus dem ganzen Land (meist Angehörige der Königsfamilie, religiöse oder tribale Anführer oder einflussreiche Persönlichkeiten) die zusammenkommen um wichtige Angelegenheiten Afghanistan betreffend zu diskutieren. Die Versammlung selbst hat keine legislative Gewalt, sondern wird für Empfehlungen und generelle Richtungsweisungen in der Politik einberufen. Loya Jirgas haben nicht nur in Afghanistan, sondern in ganz Zentralasien eine lange Tradition. Afghanistans Präsident Hamid Karzai hatte die große Versammlung (Loya Jirga) einberufen um über die zukünftige Beziehung zu den USA zu diskutieren, da sich diese Verbindung eher wie eine zu lange dauernde, schal gewordene Liebschaft hinauszögert, die zwischen Liebe und Hass (mit plötzlichen Ausbrüchen zu letzterem) ossziliert als in einer gleichberechtigten Partnerschaft zu münden.

„Die hätten diese Jirga niemals erlauben dürfen!“ schnaubt die Gender-Beauftragte neben mir im Auto. „Die bringt nur alle in Gefahr! Gestern haben sie einen Selbstmordattentäter geschnappt, der sich hochjagen wollte. Und wofür das Ganze? Es hat doch sowieso keinen Einfluss oder wirkliche Macht etwas zu verändern! Es ist nur um zusammen zu kommen, etwas zu essen, ein paar Reden anzuhören…hätten sie das nicht über skype machen können?!“

Ich schaue auf das Verkehrswirrwarr in dem sich schon seit einer Stunde nichts mehr zu bewegen scheint außer ein paar Fahrräder und Menschen, die sich ihren Weg zwischen den Fahrzeugen her bahnen. Mein Blick wandert an den Lehmziegelhäusern hinauf, die sich an den zerklüfteten, Kabul umgebenden Bergen festhalten. Da sind Treppen, die von einem Ort zum anderen führen. Ein alter Mann müht sich Stufe um Stufe herunter. Er muss sich anstrengen, nicht vornüber zu kippen, so steil sind die Stufen. Vor einigen der Häuser tapsen Hühner herum und ein altes, robustes Fahrrad steht auf seinem Hinterradständer einfach so in der Gegend herum. Unten am Fuße des Berges werden die drei bis fünf Meter langen Bambusrohre aus Pakistan verkauft, genauso wie das Motoröl in organge dreckigen Behältern. Über all dies wacht das Portrait Massouds mit seinem ruhigen Blick. Sein Bilod ist über die ganze Stadt verstreut zu finden. Er schaut von Plakatwänden auf die Moscheen und von den Wänden der Ministerien und Büros auf die vorbeikommenden Menschen. Was hätte er wohl über die Loya Jirga und über die derzeitige Lage in diesem seinen Land gedacht? Würde er die Verkehrsstaus und die Gefährdung der Bevölkerung als ein lästiges Nebenprodukt des größeren Ganzen in Kauf nehmen oder würde er seine Stirn runzeln über ein belangloses Treffen, das sich selbst zu wichtig nimmt? Was auch immer er gedacht hätte, er ist nicht mehr unter und und wir sind allein daran uns unsere Meinung darüber zu bilden.

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Loya Jirga or what the traffic said

out on the streets in KabulAfter arriving and passing my first days at home due to the festivities of Eid-ul-Adha –the office was off, everyone was with their families, shops closed, nothing much to do-, I was happy to start working, which enabled me as well to get a better feel for the city and its buzz. But as the things go, the city fell from one extreme into another. The Loya Jirga casted its shadow over the city with traffic jams deluxe and again several days off in which a curfew was imposed on most of the foreign workers. The Loya Jirga was expected to be a huge target for Taliban attacks. Days before the Taliban had announced that they would have the internal plans for the Loya Jirga and despite the dements of the government, everyone felt insecure. Was it a bluff? My colleagues watched nervously out the window of the car towards trespassing vehicles. Were they weighing down so much because they were loaded with explosives? What did that big bus do next to us? And could that emergency vehicle just be a fake and the army guys around would be dressed in uniforms which they had bought in the bazaar but for real they were suicide bombers?

The situation tensed and it became uncomfortable being stuck somewhere in the traffic for several hours not only because of the waiting time… But what was this Loya Jirga thing that everyone was talking about?

passing by...in Kabul

The Loya Jirga (translated: great/big assembly) is a meeting of about 200 delegates from all over the country (mostly members of the Royal Family, religious leaders and tribal chiefs, influential people…) who come together to discuss issues that are at stake for Afghanistan. The assembly itself doesn’t have any legislative power but intends to give recommendations and a direction for the general course of politics. Loya Jirgas have a long tradition not only in Afghanistan but in the Central Asia region.  Afghanistan’s president Hamid Karzai had called in a grand assembly (Loya Jirga) to discuss the future relationship with the US, which seems to have dragged into a long term fling caught between love and hate (with sudden outbursts to the latter) rather than a partnership with equal rights.

“They should have never allowed this Jirga.” The gender analyst exclaimed next to me. “They endanger everyone! Yesterday they already caught a suicide bomber who wanted to blow himself up. And all this fuss for what? It doesn’t have any power whatsoever! It’s just for getting together, eating, listening to some speeches…as if they couldn’t have done that over skype!”

I look out over the dazzling traffic in which nothing much seems to move except of the bikes and people making their way through the cars that got stuck already for an hour. My eyes wander up the square mudbrick houses that are holding onto the rugged mountainsides which are surrounding Kabul.

Kabul mountainside. (photo made while driving along in the car...)

There are stairs leading from place to place. An old man climbs down step by step, trying hard not to tip over. Chicken in front of some houses and one of the old robust bikes with hindwheel bicycle stands. Down by the feet of the hill three to five metre long bamboo ladders from Pakistan and motor oil in filthy orange containers is being sold. The portrait of Massoud watches over the scenery with a calm gaze. His picture is everywhere in the city, watching out from advertisements to mosques and from walls of ministries and offices onto the passing people. What would he have thought about the Loya Jirga and what about the state of his country these days? Would he have taken the traffic jams and endangerment of civilians as a necessary by-product of a great opportunity or would he have frowned on a petty meeting that took itself too serious? No matter what he would have thought, he’s gone and we’re left alone to make up our mind about it ourselves.

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