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Bergab in Istalif

Das erste was ich beim Aufwachen sehe, sind weisse Nebelschlieren. In Wirbeln und Drehungen umtanzt mein Atem sich selbst. Ich blicke zum Fenster und bestaune die Eisblumen, die am Fenster wachsen. Einfaches Fensterglas mit Klebefolie –ein jaemmerlicher Versuch die Kaelte draussen zu halten, die sowieso reinkommt.

Istalif

Unter den zwei Decken und in den Schlafsack eingehuellt versuche ich nach meiner Muetze zu fischen, die mir im Schlaf vom Kopf gerutscht ist und ziehe sie mir bis ueber die Augen um wieder in den Halbschlaf zu sinken. Je laenger ich den Wecker aufhalten kann, desto laenger kann ich noch schlafen…. zu spaet. Der Wecker klingelt zum vierten Mal und zu spaet bin ich eh. Ich spiele mit mir selbst Schnick-Schnack-Schnuck unter der Decke und verliere gegen mich, sodass ich aufstehen muss um den Gas-Ofen (hier liebevoll Gas-Bukhari genannt) anzumachen. Zentralheizung ist was fuer Waschlappen…oh wie gerne waere ich jetzt ein Waschlappen mit Zentralheizung! In Kabul gibt es vier Arten zu heizen: Holz/Kohleofen (gemuetlich aber braucht lange um ihn anzumachen), Elektroheizer (schlecht bei staendigem Stromausfall), Gasheizofen (kann man nicht lange/ueber Nacht anlassen, da man entweder Gefahr laeuft in die Luft zu fliegen oder nicht mehr aufzuwachen) oder gar nicht heizen (allein der Gedanke daran ist krass…).

way to Istalif

Auch das Wasser kann im Winter rar in Kabul sein: bei den meisten meiner Kollegen sind die Wasserrohre eingefroren und es gibt weder Klospuelung noch Dusche. Auch wohl keine Elektrodusche dann.

Ah! Heute gehts aber nicht zur Arbeit, sondern raus aus Kabul! Ich springe todesmutig in die Kaelte und in meine klammgefrorenen Kleidungsstuecke waehrend ich mich in der Gefahrenzone des Gasheizers drehe und wende, damit ich auftaue, jedoch kein Feuer fange…ja, das sind die wahren Gefaehrdungen im Kabuler Leben!

Das Auto vor der Tuer hupt und schon bin ich draussen. Und nach einer Stunde Fahrt bin ich in einer anderen Welt. Willkommen in Istalif! Fruehere Gaestepension Afghanistans, im Sommer reich beschenkt mit Obst, Nuessen, Maulbeeren und wunderbarem Bergblick, ethnographiert von Noah Coburn und im Winter Heimstaette des gefaehrlichen Hang-Rutsch-Spektakels!  300 Meter den Hang hinunter in halsbrecherischem Tempo! Es wird gerutscht auf den Fuessen oder auf einem Ziegenfell.  Einige ziehen sich extra Gummistiefel an um schneller zu rutschen. Sogar ein alter Mann saust todesmutig die Eisbahn hinunter! Und es ist eine wirkliche Eisbahn: wenn die ersten richtig kalten Tage kommen (Minus 10 Grad keine Seltenheit), bringen die Maenner des Dorfes Wassereimer raus zum Hang und formen den Schnee zu Eis. Ausdauernd wird Eimer um Eimer gebracht, den es ist ein mehrstuendiges Unterfangen bis eine feste Bahn geformt und ausgeglaettet ist.

“Willst Du nicht auch rutschen?”

Bisher habe ich nur an der Seite gestanden und mit Ehrfurcht die in Lichtgeschwindigkeit vorbei schnellenden Burschen und jungen Maenner beobachtet und fotografiert. Ich bin die einzige Frau hier. Was machen eigentlich die Frauen? Und wo haben die Spass? Nach einiger Ueberredung und dem permanenten Abwehren meinerseits mit einem Mann
zusammen runter zu rutschen, nehme ich das gefrorene Ziegfenfell beherzt zur Hand (sorry an alle Veganer/Vegetarier, die dies lesen!) und fahre schreiend und jauchzend zur Freude aller Beteiligter den Hang hinunter. Ein kleiner Junge sieht mich strahlend an und sagt: “Du haelst den Rekord. Du bist die schnellste Frau hier!” Leichter Sieg, wenn man die einzige ist…

Wie ich spaeter feststelle haben die Frauen des Dorfes kleinere Rutschbahnen in den Innenhoefen der Haeuser gebaut. Dort rutschen die kleinen Maedchen bishin zur 60 jaehrigen Grossmutter die Eisrutschbahnen hinter. Weniger gefaehrlich, da sie nicht so hoch, weit und schnell zu befahren sind. Dennoch ein Spektakel fuer sich als ich eine aeltere Frau sehe, die vorher wuerdevol die kleinen Maedchen betrachtet hat, wie sie mit Vollkaracho die Piste meistert! (Leider gibt es davon keine Bilder…)

Nachdem ich todesmutig die Piste runtergeschnellt bin (schneller als jede Bobbahn, die ich je als Kind oder Halberwachsene gefahren bin!), ermuntern mich die jungen Maenner nochmal zu fahren –mit ihnen zusammen! Wenn ich eines weiss, dann dass sich das am allerwenigsten ziemt (ganz zu schweigen von meinem eigenen Abhangrutschen…). So sehe ich den in windgeschwindigkeit herunter rutschenden, taumelnden, manchmal ineinander krachenden jungen Maennern zu, die so ihren Morgen verbringen und sinniere darueber nach, was die Staedter in Kabul so alles verpassen. Mich eingeschlossen.

Laut Schuja, der mich hier mit rausgenommen hat, gibt es diese Eisrennbahn schon seit ueber hundert Jahren (wobei ich nun die Frage nach Dokumentation und Zeitwahrnehmung nicht stelle, sondern hinnehme, dass es die Eisbahn schon unglaublich lange geben muss). Frueher verlief die Bahn im Dorf selbst, was aber durch die engen Gaenge meist mehr gefaehrlich als spassig war. Nach einer Reihe von Unfaellen wurde die  Eisbahn dann ausserhalb des Dorfes an den Hang verlagert, wo sie nun Jung und Alt den Winter im Geschwindigkeitsrausch versuesst.

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Neun und dreissig – die Zuhaelter Nummer

“Entschuldige bitte, koennten wir gerade mal miteinander reden?” –“Klar!”

Ich folge meinen betreten drein blickenden Arbeitskollegen in den kleinen Nebenraum. Sie schliessen die Tuer hinter uns. Beide schauen mich an als waere ihnen unwohl.

“Was ist denn los?”, frage ich, da ich wirklich nicht weiss, warum die beiden mit mir etwas vertraulich besprechen wollen.

“Du hast da gestern diese Mail rumgeschickt…” faengt der eine an und bricht ab.

“Ja, die mit dem Bericht?” versuche ich ihm weiter zu helfen.

“Genau…”

Ich sollte eine Mitschrift eines Meetings anfertigen und hatte es an alle Kollegen rumgeschickt.

“Warum hast Du die Nummer da rein geschrieben?”

Nummer?!? Ich gehe den Bericht gedanklich durch und finde keine Nummern ausser die Nummerierungen der  einzelnen Abschnitte.

“Die 39.”, bricht es aus dem anderen heraus. Als wenn das etwas fuer mich erklaeren wuerde…

“Aehm, entschuldigung, ich kann mich weder daran erinnern irgendwo eine 39 geschrieben zu haben und selbst wenn, was ist so beredenswert daran?”

“Weisst Du, Nummern haben hier einen bestimmtenStellenwert, eine Bedeutung in unserer Ges- …” “-das mit dieser Nummer war nicht immer so, das ist erst in den letzten Jahren aufgekommen…””-die Frauen im Buero haben uns drauf angesprochen und da…”

“Entschuldigung, ueber was sprecht ihr!?” ich versuche aus dem sich gegenseitigen Unterbrechen meiner beiden Kollegen einen Sinn zu ziehen.

“Die Nummer 39 bedeutet etwas schlechtes in unserer Gesellschaft. Sie steht dafuer, dass ein Mann etwas sehr schlimmes mit einer Frau macht…” – weiter kommen die beiden mit ihrer Erklaerung nicht, zu peinlich beruehrt sind sie davon es vor mir anzusprechen. Sie zeigen mir in ihrem Outlook-Programm wie meine Email bei ihnen angekommen ist: die Emailadressen zweier Arbeitskollegen ist nicht ausgeschrieben wie sie es sein sollte, sondern enthaelt Symbole wie Schraegstriche, Rauten und…eine 39!

Die 39 steht in Afghanistan dafuer, ein Zuhaelter zu sein. Es gibt verschiedene Theorien und Geschichten, die sich um den Ursprung dieser Verknuepfung ranken. Einige erklaeren es mit den sogenannten Abjad-Nummern . Die Abjad Nummern sind ein dezimales numerisches System in dem jedem Buchstaben im arabischen Alphabet ein numerischer Wert zugeordnet wird. (Der erste Buchstabe ‘Alif’ kriegt die Nummer 1, der zweite Buchstabe ‘be’ bekommt die Nummer 2 und so weiter…). Dabei dienen diese Nummern mit ihren zugeschriebenen Werten auch der Numerologie. Dem allbekannten Islamischen Satz: bism illāh ir-raḥmān ir-raḥīm (“im Namen Gottes, des Gnaedigen, des Mitfuehlenden.”) wird beispielsweise den numerischen Wert 786 (in einer Addition der Werte der Buchstaben: 2+60+40+1+30+30+5+1+30+200+8+40+50+1+30+200+8+10+40). Und das Wort “Allah” (الله ) selbst hat Wikipedia zufolge den numerischen W ert 66 (1+30+30+5). So haben Nummern in jedem kulturellen Kontext eine recht unterschiedliche Bedeutung…

Die bekannteste und meist erzaehlteste Geschichte ist jedoch die eines Zuhaelters aus Herat, der ein Auto fuhr dessen Plakettennummer mit einer 39 endete. Sogar seine Telefonnummer soll eine 39 beinhaltet haben.    

Es ist noch eine Untertreibung zu sagen, dass “Zuhaelter” genannt zu werden, eine grosse Beleidigung in Afghanistan ist. Das wird viel mehr noch an den Vermeidungsstrategien klar, die Afghanen an den Tag legen um nicht mit der Nummer 39 assoziiert zu werden. Autonummernschilder mit einer Nummer 39 werden kategorisch nicht gekauft oder umgeklebt   

Einige Blogs berichten von Maennern, die sagen, sie waeren ein Jahr juenger als 40 oder ein Jahr aelter als 38, wenn sie eine solche Angabe beim Amt machen muessen. Und selbst Abgeordnete auf der Loya Jirga wollten nicht in einer Gruppe sein, die mit der Nummer 39 beziffert war. So musste die Gruppe in “41” umbenannt werden. 

Selbst auf facebook gibt es Gegen-Homepages um Menschen von der Neutralitaet der Nummer 39 zu ueberzeugen

Ohne es zu wissen war ich also in eines der weitverbreitesten oeffentlichen Geheimnisse Kabuls getappt und hatte meine Kollegen vor der gesamten Belegschaft der Zuhaelterei bezichtigt… Bravo Fraeulein Curiousitiesforsale,….groesser konnte das Fettnaepfchen wohl nicht sein…

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Bush Bazar (German Version)

In den Korridoren des Supermarktes herrscht globalisierte Leere. Cornflakes lehnen sich gegen Haferflocken, Schokoladentaefelchen gaehnen vor sich hin neben Auslagen von indischem Fertig-Gulab Jamen. Eifrige |Internationals| schieben sich aneinander und an den Auslagen vorbei. Genau dieselbe Szene koennte man wohl in New York oder Berlin (mit etwas mehr Bio und Tofu-Varianten) finden. Genau dieselben gelangweilten und langweiligen Gesichter. Und so sehe ich in die Leere der Globalisierung und gaehne zurueck. Das ist also Einkaufen in Kabul. Alles genauso zufriedenstellend, schnell zu finden wie in jedem anderen Supermarkt. Nur drei Mal so teuer. Willkommen bei Finest, denn so heisst der gute Laden.

Aber hatte mir nicht irgendwer von einheimischen Maerkten erzaehlt? Gemuesemaerkten, Bazaren auf denen man Messer und Luftmatratzen, Armeefutter und Dosenmilch kaufen kann? Klingt das nicht viel mehr nach Abenteuer, Spass und dem guten alten Bater? Flink ist die Nummer meines Abenteuer-Dealers gewaehlt und ein Treffen ausgemacht.

10 Uhr morgens, Bush Bazar.

Wuseliges Treiben durch kleine Gassen. Man stelle sich ein Gemisch aus kleiner Einkaufsstrasse mit glaesernen Ladenzeilen und Marktstaenden, von vornueber stehenden Daechern haengende Taschen, Maenteln und Schlafsaecken, aufgeschichtetem Bettzeug, kleinen Burgmauern aus Waschpulverkisten und einigen verstreut zu findenden Gemueseverkaeufern vor. Zwischendrin laufen Haendler, Verkaeufer mit Tabletts, die getrocknete Maulbeeren anbieten und natuerlich die Kunden. So wie wir.

Ich bin aufgeregt wie ein kleines Kind, da ich das Entdecken auf Maerkten liebe. Das Gewusel und das in Laeden hinein und herumstoebern, Feilschen und ueber einem guten Deal mit dem Verkaeufer eine Beziehung aufbauen, die sich im guenstigsten Fall ueber einem Tee zu einer voruebergehenden Freundschaft ausbaut.

Warum der Markt, im lokalen Slang ‘Bazar’, nun Bush Bazar heisst, ist genauso sagenumwogen wie einfach oder auch verdutzt machend erklaert. Ein guter Anteil der Waren (u.a. Militaerkleidung, MREs (‘Meals Ready to Eat’, die von Soldaten gegessen werden) und Armeeschuhe), wenn nicht sogar die meisten, sind entweder *vom Wagen\LKW\Jingle Truck gefallen* (zu gut deutsch> diebisch erbeutet worden) oder vom Ueberschuss der (George W.) Bush-Armee guenstig abgekauft worden um nun wieder neu verkauft zu werden. Viele Waren scheinen von der 50 km entfernt liegenden Bagram Base zu kommen… Ein Freund schlug halb scherzend vor den Markt auf ‘Obama Bazar’ umzutaufen, da ja nun die politischen Verhaeltnisse sich veraendert haetten.

Gestrandet an einem Gemuesestand laden wir gemeinsam die Tueten voll, sodas drei von uns schwer zu tragen haben. Tief durchatmend und das Portemonaie zueckend bereite ich mich auf das Feilschen und Runterhandeln vor.

“250 Afghani” sagt der Gemuesehaendler.

“Fuer die Gurken?” frage ich Ahmad, der neben mir steht und uebersetzt hat.

“Nein, fuer alles!” grinst Ahmad.

“Das ist…” mein Kopf rechnet kompliziert herum zwischen 5 US Dollar bis hin zu 3,50 Euro.

“Das ist weniger als ich fuer einen Bund Zwiebeln bei Finest bezahle!” strahle ich ihn unglaeubig an.

Die anderen fangen an zu lachen und Ahmad sagt: “wer kauft schon bei Finest…”

Weiter geht es durch die Korridore und mit Waren umwucherten Straesschen. Nichts, was e shier wohl nicht zu finden gibt. Westliche Dosennahrung en masse, festes Schuhwerk gefaellig oder doch eher ein Aufklappmesser fuer den Fall der Faelle? Junge Burschen laufen mit Schubkarren durch die Menge: sie bieten uns ihre Dienste an. Auch andere bezahlen sie als Einkaufsunterstuetzung. Ganz einfach die vielen Tueten in die Schubkarren gelegt und nochmal hier und da hingeeilt. Wir verneinen und schleppen unsere Tueten selbst –unter dem mitleidigen und neugierigen Grinsen der Jungen.

Manche Laeden sind vollkommen mit Shampoo und Kosmetika gefuellt, andere widerum sehen eher wie kleine Ecklaeden (in Berlin wuerden sie “Spaeti” heissen) aus. Waehrend die anderen nach Preisen von Matratzen fragen, sehe ich mich nach Kaese um. In einem der Laeden werde ich fuendig: der Verkaeufer zieht einen drei Kilogramm schweren Kaeseblock aus dem Eisfach. “Gibts den auch geschnitten oder stueckweise?” frage ich verbluefft. Und der Verkaeufer schuettelt nur lachend den Kopf. Ich werfe einen Blick zurueck in den Eisschrank und sehe eingepackten Schinken.

Schinken??! In einem muslimischen Land? Das kann nur von den Militaerbasen kommen, oder?  Und wer wuerde es hier kaufen? Ich zeige meinem Einkaufsmitstreiter der umstrittene Stueck Fleisch im Kuehlfach. Er lacht auf.

“Wahrscheinlich kaufen die Leute das fuer ihre Haustiere, beispielsweise die Wachhunde!”

Hunde und Schinken? Das heist dann wohl, dass die afghanischen Hunde mehr karnivor als muslimisch sind…

Ich nehme das drei Kilo Stueck Kaese mit mir mit und schliesse das Eisfach. Soll jemand anderes den Schinken kaufen. Ich kann dafuer zuhause ne Kaeseparty schmeissen…

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Teurer als Manhattan

Ich habe in leeren Hochhaeusern, Bauernhausern, Kunstprojekten, niedlichen Haeuschen auf Bergen und gemuetlichen Wohnungen in lebhaften Staedten gelebt. Ich habe auf den Teppichen in Bazaren geschlafen, auf dem Boden von Sprachschulen, in Gebetsraeumen und auf Designer-Sofas. Noch nie habe ich jedoch in einer so teuren Stadt wie Kabul gelebt!

Als mir ein Freund erzaehlte wie teuer die Hauptstadt Afghanistans sei, wollte ich vor Verzweiflung anfangen laut zu lachen und es als einen Scherz sehen – so weit entrueckt von meiner eigenen Realitaetswahrnehmung schien es mir. Ich hatte Mietswohnungen in Pakistan gefunden und selbst da hatten mir die Einheimischen gesagt, dass ich einen Auslaenderinnen-Preis –und damit viel zu viel- zahlen wuerde. Aber gegen die Kabuler Preise scheint Pakistan ein Mieterparadies zu sein.

“Also gibt es nichts unter 55US Dollar pro Nacht? Nicht ein einziges Gaestehaus?”

“Nunja, es gibt eine Hand voll Gaestehaeuser, die billiger sind. Vielleicht 30 Dollar oder 25, aber kein Auslaender uebernachtet da. Das ist zu gefaehrlich! Du brauchst einen Ort mit guten Sicherheitsvorkehrungen! Vor allem, wenn Du allein als Frau unterwegs bist! Aber, organisiert Dir Dein Arbeitsgeber keinen Ort zum wohnen?!”

Nein, macht er nicht. Und um ehrlich zu sein, bin ich froh darum. Die meisten Auslaender, die zum Arbeiten nach Kabul kommen, wohnen in sogenannten ‘Compounds’ or speziell angemieteten und zugeteilten Gasthaeusern mit hohen Mauern und vielen Sicherheitseinschraenkungen. Waehrend sie in diesen Compounds wohnen koennen sie nicht viel nach draussen in die eigentliche Stadt. Geschweige den sich frei bewegen. Sie muessen angeben, wann sie wohin mit wem und wie lange gehen und fuer die meisten von ihnen ist es fern ihrer Vorstellung alleine durch die Strassen schlendern zu koennen. Es ist ihnen nicht erlaubt, die einheimischen Taxis zu nehmen (die gelben Taxis) und manchmal duerfen sie noch nicht mal in den ‘sicheren’ Taxis fahren (weisse Taxis, die mindestens 5 Dollar kosten, egal wo man in der Stadt hin will). Diese Vorschriften beinhalten oft Ausgangssperren ab 10 oder 11 Uhr abends, sowie Vorschriften welche Cafes und Restaurants besucht werden duerfen und welche nicht. Wer sich nicht daran haelt und erwischt wird, kann mit seiner Kuendigung rechnen. Taschen packen und nach einem neuen Job suchen, heisst das dann.

Ich kam ohne jegliche Vorschriften. Ich kam allein nach Kabul.

Die Preise der sicheren Gasthaeuser (inclusive Fruehstueck) fangen ab 55 Dollar pro Nacht an. Die guenstigsten bewegen sich in der Preisspanne zwischen 50-80 US Dollar. Was vielleicht zunaechst noch bezahlbar wirkt, addiert sich ruck zuck zusammen. Ein Monat im guenstigsten Ort kostet 1650 Dollar! Falls der geneigte Leser immer noch denkt, dass das bezahlbar ist, weil er/sie selber gut verdient, bitte ich, diese Preise vor dem Hintergrund eines Studenten oder einer Person zu Beginn ihrer Karriere ohne jegliche Ruecklagen zu berechnen.

Ich beschloss, dass dies auf lange Sicht nicht bezahlbar fuer mich waere und begab mich auf Wohnungssuche in Kabul.

Die Moeglichkeiten variieren dabei mit der dem jeweiligen Aussehen der suchenden Person. Als einheimisch aussehende Person (mit dunklem Haar, braunen Augen oder dunklerer Hautfaerbung) mit halbwegs vernuenftigen Dario oder Pashto Kenntnissen (welche zwei der einheimischen Sprachen sind) duerfte es moeglich sein eine Wohnung in Microrayon oder einem anderen Teil der Stadt fuer rund 500 US Dollar monatlich oder sogar weniger zu finden. Diese Moeglichkeit stand mir als blonder-hellhaeutiger-blau-aeugiger-Auslaenderin nicht zur Verfuegung. Mir wurde gesagt, ich solle mir etwas suchen, was sicher sei. Aber was ist sicher? Ein Platz mit Sicherheitsleuten, der aber dadurch leicht ausgemacht werden kann? Oder besser ein nicht so sichtbares privates Haus? Und was fuer eine Nachbarschaft soll es sein? Eine mit vielen anderen Auslaendern, in der ich nicht so auffalle? Oder eine gemischte Nachbarschaft mit Afghanen, die nicht so anfaellig fuer Selbstmordattentaeter oder Entfuehrungen ist? Und dann: sollte es Nahe von offiziellen Gebaeuden sein, da die Zufahrtswege gesichert sind oder besser lieber ganz weit weg von all diesem, damit man nicht selbst in die Gefahr dieser moeglichen Zielscheiben gezogen wird?

Viele Fragen und keine einfachen Antworten.

“ Frieden ist keine statische Sache; es ist vielmehr das beste Beispiel fuer Gleichgewicht in Bewegung” schrieb Herr Rowlett eines Tages an Vikram Seth.

So wie dies fuer die generelle Situation in einem krisensgeschuettelten Ort (einer Beziehung, einer inneren Geistesverfassung, ersetzt es wie ihr moegt) richtig ist, so ist dies auch wahr dafuer, den richtigen Ort zum Leben in einem Ort wie Kabul zu finden. Also wo anfangen? Ich sah die Anzeigen im Kabul Survival Guide durch und fand mehrere Angebot. Die Preise fingen bei 800 US Dollar fuer einen 12 qm Raum an und gingen in die Tausender (70 qm fuer 2000 Dollar, zum Beispiel). Natuerlich summiert sich das Ganze, wenn man mit einem Lebenspartner dort wohnen will. Es bleibt nicht bei den 800 US Dollar, wenn der Partner in einen kleinen Raum mit einzieht, dieselbe Heizung oder Gluehbirne benutzt…natuerlich steigt es dann auf 1200 US Dollar pro Monat. Das ist Kabuler Logik.

Manche vermuten, dass die Preise fallen, sobald die Truppen in 2014/15 abziehen, aber wer weiss, wo ich dann sein werde. Also entschied ich mich fuer einen Platz, einen farbenfrohen. Einer Art Gross-WG in einem zweistoeckigen Haus mit einem Berater aus Kanada, einer tuerkischen Mitbewohnerin auf Arbeitssuche, einem Berater fuer Mikrofinanzen aus Kenia und einer amerikanischen Klavierlehrerin. Die Stimmung ist entspannt und manchmal ausgelassen. Zumindest bis ich daran denke, wieviel ich dafuer zahle…

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Lost in Abbreviations -dtsch. Version

Als ich nach Kabul kam war ich noch eine Akronym-Jungfrau.

Ich folgte den ausbuchstabierten Worten, die in ihrer Form wie natuerlich in meine Ohren hinein zu fliessen schienen, bis jemand zu mir sagte: “Willkommen bei Aemaeniiiiiii”. Ich schaute ihn verstoert an. Dieser jemand, den ich nicht verstand, war mein Chef.

Er sprach weiterhin in kryptischen Abkuerzungen und gewandten Kurzformen: “Aemaeniiiiiii ist ein wichtiges Werkzeug fuer PIM und IM. Damit folgen wir den MDGs und natuerlich den ANDS wie sie in den SNGP durch die IDLG festgelegt wurden. Aber Sie koennen das auch alles im OM finden, wo es dann noch weitere Informationen ueber die FPs und die HCD-Projekte gibt.”

Ich sass da, laechelnd und leidend, und wuenschte mir einen Uebersetzer zur Hand zu haben um mich aus dieser Situation zu retten. Warum war ich auch geradehttp://2.bp.blogspot.com/_iJcf8HHHMKY/TBeMBGz43BI/AAAAAAAABpc/mkgFYNIW_v8/s1600/acronym-+IDSFA.jpg eine Akronym-Analphabetin, die die offizielle indigene Sprache der auslaendischen Buerohengste nicht kannte? Gibt es Kurse in Akronymisch? Dann las ich ein Schild und verstand ploetzlich die erste Abkuerzung, die sich in meinem Hirn in Kauderwelsch umgeformt hatte: Aemaeniiiiiii, M&E, Monitoring and Evaluation. Das ergab Sinn!

Zwei Wochen und unzaehlige Acronyme spaeter, sass ich in UNAMA und unterhielt mich mit ein paar Leuten von UNHCR, AAD und USAID darueber, warum GTZ zu GIZ gewechselt habe, ueber die neuen ToRs, die sie verfassen mussten und ueber ein Maedchen von TLO, die an IDP-Problemen interessiert war, allerdings mit dem MIS zu kaempfen hatte. Allesamt kannten sie die Arbeit von DACAAR, AKND und MADERA, gaben aber zu bedenken, dass die O&M Kosten fuer die INGO-Projekte Probleme machen wuerden sobald ISAF rausgehen wuerde…es schien als haette ich meinen Weg durch das Labyrinth des Akronym-Landes gefunden.

“Also fuer wen arbeitest Du?” wurde ich auf einer der Botschafts-Parties gefragt und ich spulte die Buchstabenkombinationen ab, die es einem erlauben von den Fakten zu einem anderen Teil des Gespraechs zu gelangen, nachdem der Gegenueber zustimmend abnickt. Aber dismal zeigte mein Gespraechspartner auf mich und sagte: “Null Punkte!”.

 ?

“Dein Freund bekommt zwei Punkte. Er hat nicht ein einziges Akronym benutzt um zu erklaeren fuer wen er arbeitet, waehrend ich immer noch nicht verstanden habe, was Du eigentlich machst.” Da hatte er mich am Wickel. In einer solch kurzen Zeit war ich in die “lost in expat-translation” Falle getappt ohne zu wissen, wie ich da so schnell wieder rauskomme…

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Jokertag

Der See ist fast auf die Hälfte seiner Existenz zusammengeschrumpft. Wir spazieren an seinen Ufern entlang. Unsere Hände suchen nach Steinen, die wir über das Wasser flippen lassen können. Wir versuchen, warm zu bleiben. Es ist Dezember. Keine Touristensaison. Noch nicht mal in Kabul.

Plattformen zum sitzen überblicken den See. Keine von ihnen ist besetzt. Die Geschäfte sind alle geschlossen und die Besitzer nicht in Sicht. Nur ein Verkäufer sitzt in der Nähe der Schwanenboote, die normalerweise die Sonntagsausflügler über den See treiben lassen (was hier an Freitagen und nicht an Sonnragen passiert, da der Freitag hier DER freie Tag der Woche ist). Dies ist der Ort für Sommerausflüge, an den sich die Stadtbewohner Kabuls in ihrer Freizeit flüchten können bevor sie wieder in Kabuls Rummel zurückgespien werden.

Heute bin ich unterwegs mit den Jungs. Eine Gruppe afghanischer junger Männer meinen Alters, die ich durch einen gemeinsamen amerikanischen Freund kennengelernt habe, der mit ihnen gearbeitet hatte. Sie scheinen vertrauenswürdig und es macht Spass mit ihnen unterwegs zu sein. Wir witzeln herum, strecken die Arme im Wind aus während wir mit einem Motorboot um den See fahren und finden das einzige offene Restaurant in dem wir Wasserpfeife rauchen können. Und es ist entspannt. Keine Anmachen von ihnen -was hier rar gesäht ist und damit meine ich nicht die afghanischen Männer, sondern würde eher sagen, dass die Szene der international hier Arbeitenden anstrengend nervig ist…-

Aus der Stadt heraus zu sein, ist wie endlich atmen zu können. Und das im doppelten Sinne. Auf der einen Seite ist Kabul einer verschmutzte Stadt mit zu vielen Autos und einem alles besiegenden Staub, der sich in jede Rille der Lungen legt. Andererseits hat die Stadt aber noch eine andere Art von Klebrigkeit, die sich aus der unstabilen Sicherheitslage und einem Mangel an Freizeitorten zusammensetzt. Es gibt fast nirgendwo in der Stadt die Möglichkeit, Spazieren zu gehen. Es gibt keine Bänke, auf denen man von Bäumen beschattet Abstand nehmen kann von dem Straßenleben, das einen geradezu anschreit auf Schritt und Tritt. Die Zufluchtsorte in einer Stadt, die in einem ständigen Bewegungsstrom zu sein scheint, scheinen wenige Cafes, die Orte, die sich Zuhause nennen oder der Arbeitsplatz zu sein. Aber wer will schon immer von Wänden umgeben und eingesperrt sein? Hört der Verstand nicht auf sich auszudehnen in einem Umfeld, das die Sicht und die Möglichkeit herauszuschauen, herumzuwandern und zu erkunden?

Der Qargha-See ist nur 9 km von Kabul entfernt. Ein Wasserresservoir, das gleich neben einem kargen Landstrich angesiedelt ist, welcher als Golfclub genutzt wird.Grünes, gepflegtes Gras gibt es auf dem Golfplatz nicht, dafür aber einen ambitionierten Mann, der den Golfclub am Leben hält. Hier gibt es eine kleine Dokumentation über ihn. (Nur nebenbei: ‘Kabul at work’ ist ein Dokumentarprojekt von David Gill, das den Menschen Kabuls ein Gesicht gibt und sie an und mit ihren verschiedenen Arbeitsplätzen zeigt. Das findet ihr im Link…)

Der See mag im Sommer noch schöner sein, aber ich vermute, dass er dann von Menschen überrannt sein wird, da er nahe an Kabul liegt. Im Winter ist dieser Ort ruhig, weitläufig und lässt Raum zum gehen, atmen und denken … alles rare Güter in einer Stadt wie Kabulistan.

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Codewort Apfel

In meinem Kopf scheint eine kleine Dame zu wohnen, die die verschiedenen Gedanken verbindet und in die richtigen Wege leitet. Wie damals das Fräulein vom Amt. Lange bevor es Handys und Smartphones gab, die uns das Denken abnahmen, wurden Verbindungen von einem Haushalt zum anderen noch mit einem Anruf in der Zentrale getätigt, wo ein emsig arbeitendes Fräulein vor einem Wust an Kabeln und Steckern sass und bei Anfrage den Anrufer mit der –meist richtigen Person- verband.

Magritte kannte mein Problem...

Magritte kannte mein Problem...

Solch ein Fräulein scheint in meinem Hirn zu arbeiten und fieberhaft –sowie wahrscheinlich unterbezahlt- die Verbindungsanfragen und Gedankenspruenge zu verbinden. Sie arbeitet emsig, ganz adrett gekleidet, und manchmal entfleucht ihr auch wohl ein schallendes Gelächter, wenn die Nervenverbindungen falsch verbunden warden und alles in einem Kabelsalat endet.

Ich sass im Taxi zur Arbeit und seit zwei Stunden hatten wir im Stau gestanden. Der Fahrer hatte mit Engelsgeduld all meine nervigen Fragen von “Was ist dieses Gebäude?” und “wie sagt man das auf Dari?” beantwortet und mir sogar etwas ueber seine Familie und Herkunft anvertraut. Wir waren Reise-Notleidende im Stau geworden und vertrieben uns die Zeit. Als wir uns nun endlich der Arbeitsstelle näherten und ich ihn nach seinem Namen fragte, wollte ich ihm ein Kompliment machen und sagte:

“Dein Name ist sehr schön!”

Er sah mich verdutzt an und antwortete nicht. Etwas verunsichert probierte ich es nochmals, da ich mir nicht sicher war, ob es an meinem starken deutschen Akzent lag oder daran, das ser mich wegen des Motorenlärms nicht verstanden hatte.

“Nam-e-schoma seb ast! –your name is beautiful!”

Fügte ich auf Englisch hinzu, um meine Aussage klarer zu machen. Er brach in schallendes Gelächter aus.

‘Seb’ ist ein Wort, das in vielen verschiedenen Sprachen existiert. In Ungarisch bedeutet es hübsch oder schön. Ein Wort, das ich oft in diesem Kontext gehört habe, wenn ich Freunde in Budapest besucht habe. Aber in Urdu (einer der Sprachen Pakistans) und Dari (dem afghanischen Persisch) bedeutet ‘seb’ Apfel! Ich hatte dem Fahrer gerade erklärt, dass sein Name Apfel sei!

Ungezogenes kleines Fräulein meiner Gedankenverbindungen! Was hast Du meinem Dari-Halbwissen nur für einen verheerenden Stoss versetzt! Ich wette, sie hatte viel Spass mit mir in diesem Moment…

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