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Fruehling in Kabul

Die gefaehrlichsten Tage sind wohl die, in denen wir uns in Sicherheit waehnen. Die Tage, an denen die Sonne auf unsere entspannten Gesichter scheint, waehrend wir mit dem Minibus durch die Stadt von A nach B fahren. Die Tage, an denen die Kinder und Frauen im Park zu gelassen scheinen. Die Tage an denen das Handy klingelt und jemand fragt: “Wo bist Du? Ist alles ok?!”

Es ist nichts neues, dass es Angriffe in Kabul und genereller gesagt, in Afghanistan gibt. Nichts neues, dass es Menschen gibt, die mit Raketen auf Regierungsgebaeude schiessen und sich in die Luft sprengen um andere Menschen zu toeten. Und doch gibt es soetwas wie einen intendierten Ueberraschungseffekt, wenn nach einem allzu ruhigen Winter, der als eisige Waffenruhe zu verstehen ist, die Kampfsaison wieder eroeffnet ist.

Doch wie fuehlt sich das an, gerade in solch einer Stadt zu wohnen?”

Wenn ich darueber nachdenke, was es fuer mich oder andere bedeutet, dann kommt mir immer wieder Kafkas Worte in den Kopf:

“Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen vor einander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.”

Denn fuer jeden Menschen wuerde solch ein Tag anders sein, je nachdem ob man mitten drin steckt oder nur etwas durch Nachrichten und Anrufe erfaehrt. Was zunaechst einmal auffaellt und immer wichtig ist im Kopf zu behalten: auch bei sieben Angriffen gleichzeitig in einer Stadt, sind es nur bestimmte Bereiche der Stadt, in der gekaempft wird. Andere Stadtteile sind vollkommen ruhig. Der Baecker backt Brot, die Kinder spielen auf der Strasse, das Leben geht weiter. Es kann sein, dass Strassen gesperrt sind und es daher zu Staus kommt. Es ist aber nicht so, dass die gesamte Stadt im Chaos versinkt.

Ein anderer bemerkenswerter wie logischer Faktor: sobald etwas passiert, intensiviert sich die Kommunikation und der Austausch. Anrufe und SMS gehen von einem zum anderen um abzuchecken, ob es allen gut geht. Nachrichten werden weiter gegeben und es wird ge-twittert. Bevor ich nach Kabul kam, hatte ich Twitter als eine moderne narzistische Stoerung abgetan. Eine selbstverliebte Darstellungskunst der neuen Medien um sich selbst und jeden noch so unwichtigen Gedanken in den Mittelpunkt der “Follower”zu stellen. Nachdem ich selbst einmal nichtsahnend irgendwo sass und Anrufe mit zerstueckelten Bruchstueckchen von Informationen reinregneneten, weiss ich schnelle Nachrichtenuebertragungen mehr als genug zu schaetzen. Information kann nicht nur das Leben erleichtern, sondern auch retten, indem man weiss, wohin gehen –und wohin besser nicht.

Und ist es nun Chaos und da wird jetzt gekämpft, geschossen und Raketen wissen nicht wen sie treffen? Nicht wirklich. Es gab ca. 20 Stunden in verschiedenen Teilen der Stadt Angriffe und Gefechte. Aber es waren keine anarchischen Strassengefechte, in denen auf Passanten geschossen wurde. Es waren geplante und zielgerichtete Angriffe auf Einrichtungen, bei denen die meisten Zivilisten oder Angestellten, die dort arbeiteten, in Bunkern abwarteten waehrend die Sicherheitstruppen draussen kaempften. Dabei stehen sich auch zwei Narrative gegenueber (gute zusammenfassende Darstellung gibt es bei Afghanistan Analyst Network). Im Westen: ‘Kabul versinkt im Chaos’und in Afghanistan: ‘die afghanischen Sicherheitstruppen haben so gute Arbeit geleistet wie noch nie zuvor’. (Schliesslich gab es kaum Tote und wenige Verletzte, gemessen an dem Ausmass der Angriffe.)

Diese Banner tauchten seit gestern ueberall im Netz auf. Einige haben es als facebook oder skype Hintergrund in ihren Profilen

Diese Banner tauchten seit gestern ueberall im Netz auf. Einige haben es als facebook oder skype Hintergrund in ihren Profilen

Und die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, daneben und wie immer bei Uebertreibungen, darunter. Unter den Pressenarrativen, in den Geschichten der einzelnen. Von denen, die vorm Fernseher sassen und es verfolgten, waehrend sie Freunde und Angehoerige anriefen. In den Geschichten derjenigen Journalisten, die hinliefen, wo andere lieber weggelaufen waeren. In den Strassenzuegen in denen debattiert wurde, was nun gerade wo passiert und in den stillen Blicken ueber der Stadt, die keine eindeutige Antwort auf alles hat.

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Afghan Tourist Photos (Kabul to Sorubi)

Testing the edge

Close to Sorubi

Streets in between Kabul and Jalalabad

Towards Sorubi

Then we discovered the old russian tank...

...and started taking tourist pictures for our future grandchildren...

Not sure why they said I shouldn't show these to my parents...

Sorubi

The dam reservoir in Sorubi

Down at the reservoir

These little pashtun boys always amaze me. They're more like miniature men.

Our sandal seller in Sorubi

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Frau UND Auslaenderin sein in Kabul

Das ist einer der frustrierenden Aspekte des Lebens in Kabul: eine Frau zu sein und eine Auslaenderin. Es ist ein wenig wie eine Doppel-Behinderung – Entschuldigung fuer diesen Vergleich an alle Menschen mit geistiger und/oder koerperlicher Behinderung!

Ein_e Auslaender_in zu sein bedeutet zunaechst einmal immer sichtbar zu sein. Zumindest wenn Du nicht in die vorherrschenden Hautfarbenpalette passt oder mit dunklem Haar und braunen Augen in der Masse verschwinden kannst (gleiches gilt natuerlich fuer Menschen anderen Aussehens auch in Europa und wahrscheinlich jedem anderen Ort der Welt. Nichts allzu neues also…). Es bedeutet beobachtet, bewertet, kritisch beaeugt zu werden und selbst wenn man positive willkommen geheissen wird: Du bist sichtbar. Es ist beinahe unmoeglich sich einfach durch einen Bazaar treiben zu lassen und den Gespraechen der Einheimischen zu lauschen, da der Smalltalk abstirbt sobald Du vorbei gehst oder Du selbst zum Thema wirst. Auf der einen Seite kann das etwas Gutes sein, da es einen in Kontakt mit anderen Menschen bringt. Die Kehrseite davon ist allerdings das Sicherheitsrisiko gekidnapped, ausgeraubt oder getoetet zu werden (waehrend es hier wichtig ist zu sagen, dass diejenigen, die wirklich Gefahr laufen, fuer Geld gekidnappt zu werden, die Afghanen selbst sind. Kidnapping von Einheimischen ist weit verbreitet).

Zweites Querschnittsthema: Frau sein. Waehrend ich zunaechst darauf hinweisen will und es mir bewusst ist, dass auslaendische Frauen nicht das Gewicht der Erwartungen, Gefahren, Restriktionen und dem Druck ausgesetzt sind wie einheimische Frauen (was eine GANZ andere Kategorie und Dimension fuer sich ist!), so geht es doch auch nicht ohne zu erwaehnen, das seine auslaendische Frau in Kabul zu sein seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich bringt.

Waehrend auslaendische Maenner manchmal hinauswandern um auf einheimischen Bazaren etwas einzukaufen oder ein gelbes, einheimisches Taxi von A nach B nehmen –was natuerlich den Anweisungen von Sicherheitsfirmen, Arbeitsgebern und den Vorstellungen der meisten Expats nicht entspricht- so ist es noch etwas schwieriger als Frau allein. Und oft ist es wegen der Sicherheitslage und der Einschaetzung aller Beteiligten nicht drin ald Frau alleine spazieren/von einem Ort zum anderen oder etwas einkaufen zu gehen (nebst der Tatsache, dass es natuerlich hilft, der Sprache maechtig zu sein und es schon die ein oder andere Tuere oeffnet). Da Frauen im oeffentlichen Raum rarer gesaeht sind als Maenner und ihnen so die Blicke eher folgen, ist man gleich doppelt sichtbarer als Frau und Auslaenderin, die auch noch von einem zum anderen Ort geht. Exotisch und merkwuerdig. Waehrend andere Frauen  ein Laecheln mit mir teilen wie um zu sagen ‘hey, wir sind im gleichen Club!’ –vor allem einheimische, da mir auslaendische Frauen noch nicht draussen spazierend begegnet sind- so verlangsamen Maenner neben einem das Auto um mit einem zu reden. Die nervige Erfahrung entweder auf auslaendische Maenner oder Einheimische (auch meist maennlich, da Frauen draussen weniger unterwegs sind) angewiesen zu sein, ist ein taeglicher Begleiter, im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber eine Behinderung kann auch eine Moeglichkeit und Chance sein.

Geschminkt von Pashtunischen Frauen auf einer Verlobungsfeier

Geschminkt von Pashtunischen Frauen auf einer Verlobungsfeier

Da die afghanische Gesellschaft zu grossen Teilen in einen maennlichen und einen weiblichen Part aufgeteilt ist, so ist auslaendischen Maennern nicht viel, wenn ueberhaupt Kontakt mit einheimischer weiblicher Bevoelkerung beschieden. Es mag sein, dass sie niemals eine traditionelle Kueche sehen, oder die Frauenseite auf einer Nikah (einer traditionellen islamischen Hochzeit) oder dass sie kaum mit afghanischen Frauen reden (mit Ausnahme von hoeher gebildeten oder westlich ausgerichteten Schichten der Bevoelkerung oder Hazara Frauen). Mein Partner Adnan, der seit 10 ahren als Journalist und Photograph in Afghanistan arbeitet, hat nie die Ehefrau seiner Kontaktperson gesehen. Er ist mit ihm gereist, sein Leben wurde mehrfach durch ihn gerettet, er hat in seinem Haus fuer laengere Zeit gelebt, aber nie seine Frau getroffen.

Ich im Gegensatz dazu, bin ein Hybrid in diesem Fall. Als Frau kann ich den weiblichen Teil der Gesellschaft betreten, mit den Frauen ueber die charmanten oder unfaehigen Ehemaenner herziehen, einige Tonnen Make Up verpasst bekommen und das Essen in der Kueche vorkosten, wo die Hauspolitik gemacht wird. Als Auslaenderin bin ich soetwas wie ein drittes Geschlecht. Die offentlichen Raeume sind maennerdominiert, aber als  Auslaenderin   kann ich mit Maennern in Geschaeften reden, in Meetings mit Maennern sitzen und mit meinen Kollegen ueber ihre Traeume und Plaene schwatzen. Ich bin nicht als ‘Mann’ akzeptiert, aber als auslaendische Frau, da ich in eine andere Kategorie falle als die hier uebliche maennlich/weiblich Unterscheidung. Ich bin irgendwo dazwischen und so bekomme ich beide Seiten mit: Behinderungen und Herausforderungen mit all seinen mehrdeutig undeutigen Zwischentoenen.

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Lockdown (German version)

‘Alle sind in lockdown’

Ich schaue mich um. Das Café, das normalerweise um diese Uhrzeit von Auslaendern (Expats genannt) ueberfliesst, blickt zurueck, gelangweilt und allein. Als wenn es von seinen Liebabern verlassen worden waere, die normalerweise mit ihrem Smalltalk ueber ihr Expat-Leben und den ueblichen NGO Affaeren die Gemueter der roten Sofas und Teppiche fuellen.

Adam schaut von seinem Laptop auf und zuckt mit den Schultern: “ So schlimm kann es nicht sein.”

“Warum?” Ich schaue auf meine SMS, die mir gerade von dem letzten ‘Lockdown’ fuer UN und Botschaftsangehoerige berichtet. ‘Lockdown’ bedeutet, dass ihnen weder erlaubt ist, sich ausserhalb ihres Gebaeudekomplex zu bewegen und niemand, der nicht gerade fuer ihre Organisation arbeitet, in ihren Compound rein darf. Die einzigen, die im Café sitzen, sind wir. Wir, die wir keine Sicherheitsbestimmungen haben, kein Gebaeudekomplex aus dem wir uns heimlich heraus stehlen muessten, keine Zeitlimits, wann wir wieder ‘zu Hause’ sein muessen und keine Regeln, die wir brechen koennten.

“Wenn es wirklich einen Anschlag zu erwarten gaebe, dann wuerden sie die Telefonleitungen kappen, damit die Taliban nicht mehr unter einander kommunizieren koennen..”

Mmmh…unsere Handys funktionieren noch. Wir nicken uns zu und gehen beide wieder an die Arbeit. Ein normaler Tag in Kabul. In all seiner Merkwuerdigkeit.

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Erstes Frauen – Internetcafe in Afghanistan eroeffnet!

Manches mal ist es geradezu auffaellig, dass es Dinge gibt, die in unserem Leben fehlen. Aber wir sehen sie nicht bis es jemanden gibt, der diese Ideen, Moeglichkeiten oder Plaetze kreiert und ihnen Leben einhaucht.

Vorgestern war Weltfrauentag. An diesem Tag gibt es Menschen, die auf facebook posten, Plakate aufhaengen oder Aufnaeher tragen. Aber hast Du Dich je gefragt, was fehlt und was es braucht um eine Veraenderung zu schaffen? Die Gruppe ‘Young women for change’, ein erfrischender Mix aus energischen Frauen und unterstuetzenden jungen Maennern, haben einige Beduerfnisse afghanischer Frauen verstanden und eroeffneten kurzerhand

das erste Internetcafe fuer Frauen in Kabul, Afghanistan.

Sahar Gul Internetcafe -photocredit: Young women for change

Sahar Gul Internetcafe -photocredit: Young women for change

In unserer heutigen Welt nehmen wir den Zugang zum Kommunikation und Information durch das Internet als etwas gegebenes hin. Selbst in einem Land wie Afghanistan, in dem eine wachsende Zahl junger Menschen Handys und Computer benutzt um in Kontakt zu bleiben. Nicht jeder hat dabei einen Internetzugang zu Hause. Viele nutzen die oeffentlichen Internetcafes: zum chatten, mailen, facebooken oder um ihre Job oder Universitaetsbewerbung abzuschicken. Wer schon mal in Afghanistan gelebt hat oder durchgereist ist, weiss, dass Internetcafes Maennerdomaenen sind. Von Maennern betrieben und von Maennern genutzt. Und selbst wenn diese Plaetze weniger ungemuetlich und schaebig waeren, wuerde keine halbwegs respektable Frauen einen Fuss dort hineinsetzen.

Wo soll also frau Informationen sammeln, in Kontakt mit der global vernetzten, komplizierten Welt treten oder einfach ihre Bewerbung losschicken?

Im ‘Sahar Gul Internet café’!

Das Internetcafé wurde nach Sahar Gul benannt, einer jungen afghanischen Frau, die ein Symbol fuer Leiden und Staerke geworden ist –eine Kombination, die trotz aller Stereotypisierung so gut auf viele afghanische Frauen past. Sahar Gul wurde verheiratet als sie 15 war. Sieben Monate spaeter wurde sie in einer Gefaengniszelle gefunden: in der Toilette ihrer Schwiegereltern. Sie war eingesperrt und gefoltert worden, weil sie sich gegen die Eltern ihres Mannes geweigert hatte, sich mit anderen Maennern zu prostituieren. Sahar Gul befand sich in einem kritischen Zustand als sie das Krankenhaus erreichte. Sie ueberlebte, trotz der Tatsache, dass man ihr zum Beispiel die Fingernaegel ausgerissen hatte. Mitglieder von ‘Young women for change’ besuchten Sahar Gul im Krankenhaus und wurden Freunde mit ihr. Sie ermutigten sie und entschlossen sich, das Internetcafé nach ihr zu benennen um die bemerkenswerte Staerke von Frauen zu unterstreichen und ihnen gleichzeitig fuer die Zukunft einen sicheren Platz zu schaffen.

Und ein sicherer Platz ist das Internetcafé wahrhaftig. Versteckt in einer Nebenstrasse in einem der unauffaelligeren Viertel der afghanischen Hauptstadt laedt das Internetcafé mit einem Schild an der Tuer ein, blockiert aber durch ein raffiniertes Fenstersystem den Blick ins Innere. Durch eine beschichtete Oeberflaeche kann man von Innen hinaus, aber nicht von Aussen hineinsehen, da es das Aeussere zurueck spiegelt. Im Internetcafe angekommen, ueberrascht die locker gemuetliche Athmosphere: anstatt sterilen Kabinen mit Internetanschluss gibt es Sitzplaetze auf dem Boden mit weichen grossen Kissen, sowie kleine Tischchen mit Laptops. Und zwischen Kissen und Internetanschluessen, ist auch schon ein Funken dessen zu sehen, was dieser Platz noch sein kann: Frauen sitzen zusammen, reden, tauschen sich aus, lernen sich kennen. Frauen, die vielleicht in anderen Umstaenden nie ein Wort miteinander gewechselt haetten. So ist ein Ort entstanden, der es nicht nur ermoeglicht, Informationen zu teilen und das Internet zu nutzen, sondern auch sich zu solidarisieren, zu traeumen, Ideen zu teilen und vielleicht Verbindungen zu knuepfen, die sich in Freundschaften oder gesellschaftliches Engagement auswachsen koennen. Mit diesem Internetcafe, dem ersten Internetcafe fuer Frauen in Afghanistan, wurde viel mehr geschaffen als nur ein Ort um das Internet zu nutzen. Es ist ein Ort der Moeglichkeit, und ein Funken fuer Veraenderung. Lasst uns hoffen, dass er nicht verfliegt.

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Voegel malen Bewegung in den Himmel

“Ich moechte Singen wie die Voegel, ohne mich zu Sorgen, wer es hoeren koennte und was jemand darueber daechte.”

(Rumi)

In den ersten Tagen als wir in die neue Wohnung gezogen waren, ertappte ich mich dabei, wie ich immer wieder an den grossen Fenstern stand und raus auf die Berge starrte. Ich wartete auf die Voegel.

Sie kamen regelmaessig und segelten in einem grossen Schwarm durch das Stueck Himmel, das von unseren Wohnzimmerfenstern aus sichtbar war. Sie schienen nicht nur zu fliegen, sondern die Winde anzugehen wie erfahrene Seegler, die sich in die stuermischen Gewaesser schmeissen, im Genuss des Unbekannten. Tief hinabtauchend gen Strasse und aufsteigend der Sonne entgegen.

So zog es mich hoeher, aufs Flachdach, auf dem die Waesche trocknet wenn ein wenig Sonne rauskommt und auf dem sich die Grueppchen von Schornsteinen zueinander neigen im verqualmten Miteinander. Und gen Abend flogen sie wieder, die Voegel, die nur um unseren Block zu kreisen schienen. Ich beobachtete ihre Bahnen, ihre waghalsigen Formationsfluege und ploetzlich liessen sich sich nieder. Auf dem Haus nebenan. Verwundert ging ich bis zum Rand und ein junger afghanischer Mann winkte mir zu. Er hielt die Voegel! Er war derjenige, der ihnen jeden Tag Ausflug gewaehrte, der sie fuetterte und auf sie wartete, wenn sie von ihrer Luftakrobatik genug hatten.

Er laechelte mir zu und ich schickte ein Laecheln zu den Voegeln. Es bedurfte keiner Worte.


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Arktisches Badezimmer

Wir machen Witze.

Wenn man einen der kaeltesten Winter der letzten 20 Jahre Afghanistans durchsteht, bleibt einem wohl nichts anderes uebrig. Eine der letzten Naechte war die kaelteste in 16 Jahren in Kabul. Und so nehmen wir es als gutes Ergebnis, wenn die Nacht so warm war, dass wir morgens unseren Atem nicht sehen koennen –was in den letzten Wochen nu rein Mal passiert ist.

Die wunderschoenen Eisblumen malen Kaeltegedichte an unsere Fenster. Die Badezimmer sind leergefegt: seitdem wir in das neue Gebaeude umgezogen sind, das seit Monaten leer stand, haben die Toiletten, Duschen und die Badewanne kein Wasser gesehen: die Rohre sind zugefroren. Anstatt fliessendem Wasser vom Hahn haben wir gefrorene Wasserfaelle, die in Kaskaden vom Fensterbrett zum Boden rauschen, wo sich ein Eissee formt, der die Reise in das arktische Badezimmer zum gefaehrlichen Rutschabendteuer macht. Wasser wird seitdem von anderen Wohnungen herbei getragen, die den Luxus von fliessend Wasser geniessen, da ihre Rohre vorm Winter isoliert wurden. Nachdem wir Liter fuer Liter Wasser herbeigetragen haben, wissen wir definitive wieviel wir pro Tag verbrauchen und was fuer ein wichtiger Teil unseres alltaeglichen Lebens es ist…

One of the ways to get water into our kitchen

One of the ways to get water into our kitchen

Um warm zu bleiben kauften wir sogenannte Gas-Bukharis, welche als mobile Gas-Heizer mit einer angehaengten Gasflasche auf Raedern funktionieren. Durch ihren eingeschraenkten Heizradius fungieren sie jedoch mehr als kleine Personen-Heizungen, jedoch nicht um einen ganzen Raum, warm zu kriegen. Es wurde ein ueblicher Anblick, morgens vor den Heizstrahlern die klamme Kleidung erst zu waermen bevor sie angezogen wurde. Zusammen im kleinsten Raum des Appartments zu sitzen um warm zu bleiben wurde selbstverstaendlich. Und als wir eines Tages durch das grosse Wohnzimmer zitterten, beschlossen wir einen “Holz-Bukhari” zu kaufen. Jener Ofen (Bukhari), der nicht aus Holz ist, sondern mit Holz gefuettert wird.

Eine Entscheidung musste jedoch gefaellt warden: Afghanisch oder Tuerklisch?

Die afghanischen Bukharis (Oefen) sind grundsaetzlich soetwas wie eine eiserne geschlossene Tonne (mit einem ausgehenden Rohr) in die man Holz oder Saegespaene stopft, was dann angezuendet den Raum warm macht. Die ‘tuerkischen Bukharis’ sind etwas ausgefeiltere Maschinen mit kleinen Tueren und Oeffnungen um Luft hineinzu blasen und die Flammen zu fuettern. Sie sind effizienter darin, grosse Raeume zu heizen, kosten allerdings auch etwas (rund 150 Dollar) mehr als die afghanische Version. Wir entschieden uns fuer Dekadenz mit Waerme und somit fuer die letztere der zwei beiden Moeglichkeiten.

Nachdem wir das tuerkische Oefchen mit Charme, Zorn und Ueberzeugungskraft (auf die alte Deutsch-Afghanische Freundschaft verweisend) herunter gehandelt hatten, wurde es mit Hilfe eines Taxis nach Hause gebracht. Endlich im noch kalten Wohnzimmer stehend, musste zunaechst ein Fenster zerschlagen warden um das Ausgangsrohr zu installieren. Vollgestopft mit Holz, uebergossen mite in bisschen Spiritus und schon lehnten wir uns zurueck und schauten zu wie unser sichtbarer Atem in der Waerme nach und nach verschwand und unsere von Kaelte gequaelten Koerper endlich von der Waerme des Holzofens umarmt wurden.

Aber was war das? Wind in unserer Wohnung? Hatten wir nicht die dicken Vorhaenge vor die wunderschoenen grossen Fenster gehaengt um es warm zu kriegen?

Warming toweld and clothes in front of a gas-bukhari

Warming toweld and clothes in front of a gas-bukhari

Wir fanden heraus, dass nicht nur international Regierungskabel leaken, sondern auch unsere Fenster.

Ein neuer Einkaufstag wurde in einem WG-Treffen einberufen um Plastik zu kaufen. VIEL Plastik. Meter um Meter um Meter. Mit diesem Plastik dichteten wir dann die Fenster ab, waehrend wir auf einem Balkon-Uebersprung vier Stockwerke ueber der Erde balancierten. Keine einfache Aufgabe fuer Menschen mit Hoehenangst! Aber ein sich auszahlender Job eingedenk des wunderbar warmen Wohnzimmers, in dem es sich nun relaxen, herumflezen oder im Schein von Kerzen oder einer Gaslampe lessen laesst, wenn mal wieder der Strom ausgefallen ist und die Temperaturen des Nachts zwischen Minus 15 und Minus 20 Grad liegen.

Wir machen immer noch Witze.

Wir sagen, sobald das Wetter besser wird und die 0 Grad Grenze ueberschreitet, tanzen wir draussen in T-Shirts, weil es sich fuer uns so warm anfuehlt!

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