Fruehling in Kabul

Die gefaehrlichsten Tage sind wohl die, in denen wir uns in Sicherheit waehnen. Die Tage, an denen die Sonne auf unsere entspannten Gesichter scheint, waehrend wir mit dem Minibus durch die Stadt von A nach B fahren. Die Tage, an denen die Kinder und Frauen im Park zu gelassen scheinen. Die Tage an denen das Handy klingelt und jemand fragt: “Wo bist Du? Ist alles ok?!”

Es ist nichts neues, dass es Angriffe in Kabul und genereller gesagt, in Afghanistan gibt. Nichts neues, dass es Menschen gibt, die mit Raketen auf Regierungsgebaeude schiessen und sich in die Luft sprengen um andere Menschen zu toeten. Und doch gibt es soetwas wie einen intendierten Ueberraschungseffekt, wenn nach einem allzu ruhigen Winter, der als eisige Waffenruhe zu verstehen ist, die Kampfsaison wieder eroeffnet ist.

Doch wie fuehlt sich das an, gerade in solch einer Stadt zu wohnen?”

Wenn ich darueber nachdenke, was es fuer mich oder andere bedeutet, dann kommt mir immer wieder Kafkas Worte in den Kopf:

“Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen vor einander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.”

Denn fuer jeden Menschen wuerde solch ein Tag anders sein, je nachdem ob man mitten drin steckt oder nur etwas durch Nachrichten und Anrufe erfaehrt. Was zunaechst einmal auffaellt und immer wichtig ist im Kopf zu behalten: auch bei sieben Angriffen gleichzeitig in einer Stadt, sind es nur bestimmte Bereiche der Stadt, in der gekaempft wird. Andere Stadtteile sind vollkommen ruhig. Der Baecker backt Brot, die Kinder spielen auf der Strasse, das Leben geht weiter. Es kann sein, dass Strassen gesperrt sind und es daher zu Staus kommt. Es ist aber nicht so, dass die gesamte Stadt im Chaos versinkt.

Ein anderer bemerkenswerter wie logischer Faktor: sobald etwas passiert, intensiviert sich die Kommunikation und der Austausch. Anrufe und SMS gehen von einem zum anderen um abzuchecken, ob es allen gut geht. Nachrichten werden weiter gegeben und es wird ge-twittert. Bevor ich nach Kabul kam, hatte ich Twitter als eine moderne narzistische Stoerung abgetan. Eine selbstverliebte Darstellungskunst der neuen Medien um sich selbst und jeden noch so unwichtigen Gedanken in den Mittelpunkt der “Follower”zu stellen. Nachdem ich selbst einmal nichtsahnend irgendwo sass und Anrufe mit zerstueckelten Bruchstueckchen von Informationen reinregneneten, weiss ich schnelle Nachrichtenuebertragungen mehr als genug zu schaetzen. Information kann nicht nur das Leben erleichtern, sondern auch retten, indem man weiss, wohin gehen –und wohin besser nicht.

Und ist es nun Chaos und da wird jetzt gekämpft, geschossen und Raketen wissen nicht wen sie treffen? Nicht wirklich. Es gab ca. 20 Stunden in verschiedenen Teilen der Stadt Angriffe und Gefechte. Aber es waren keine anarchischen Strassengefechte, in denen auf Passanten geschossen wurde. Es waren geplante und zielgerichtete Angriffe auf Einrichtungen, bei denen die meisten Zivilisten oder Angestellten, die dort arbeiteten, in Bunkern abwarteten waehrend die Sicherheitstruppen draussen kaempften. Dabei stehen sich auch zwei Narrative gegenueber (gute zusammenfassende Darstellung gibt es bei Afghanistan Analyst Network). Im Westen: ‘Kabul versinkt im Chaos’und in Afghanistan: ‘die afghanischen Sicherheitstruppen haben so gute Arbeit geleistet wie noch nie zuvor’. (Schliesslich gab es kaum Tote und wenige Verletzte, gemessen an dem Ausmass der Angriffe.)

Diese Banner tauchten seit gestern ueberall im Netz auf. Einige haben es als facebook oder skype Hintergrund in ihren Profilen

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Und die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, daneben und wie immer bei Uebertreibungen, darunter. Unter den Pressenarrativen, in den Geschichten der einzelnen. Von denen, die vorm Fernseher sassen und es verfolgten, waehrend sie Freunde und Angehoerige anriefen. In den Geschichten derjenigen Journalisten, die hinliefen, wo andere lieber weggelaufen waeren. In den Strassenzuegen in denen debattiert wurde, was nun gerade wo passiert und in den stillen Blicken ueber der Stadt, die keine eindeutige Antwort auf alles hat.

1 Comment

Filed under danger, Deutsch, Kabulistan, security, Surrounding

One response to “Fruehling in Kabul

  1. Very interesting subject , regards for putting up. 281103

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