Frau UND Auslaenderin sein in Kabul

Das ist einer der frustrierenden Aspekte des Lebens in Kabul: eine Frau zu sein und eine Auslaenderin. Es ist ein wenig wie eine Doppel-Behinderung – Entschuldigung fuer diesen Vergleich an alle Menschen mit geistiger und/oder koerperlicher Behinderung!

Ein_e Auslaender_in zu sein bedeutet zunaechst einmal immer sichtbar zu sein. Zumindest wenn Du nicht in die vorherrschenden Hautfarbenpalette passt oder mit dunklem Haar und braunen Augen in der Masse verschwinden kannst (gleiches gilt natuerlich fuer Menschen anderen Aussehens auch in Europa und wahrscheinlich jedem anderen Ort der Welt. Nichts allzu neues also…). Es bedeutet beobachtet, bewertet, kritisch beaeugt zu werden und selbst wenn man positive willkommen geheissen wird: Du bist sichtbar. Es ist beinahe unmoeglich sich einfach durch einen Bazaar treiben zu lassen und den Gespraechen der Einheimischen zu lauschen, da der Smalltalk abstirbt sobald Du vorbei gehst oder Du selbst zum Thema wirst. Auf der einen Seite kann das etwas Gutes sein, da es einen in Kontakt mit anderen Menschen bringt. Die Kehrseite davon ist allerdings das Sicherheitsrisiko gekidnapped, ausgeraubt oder getoetet zu werden (waehrend es hier wichtig ist zu sagen, dass diejenigen, die wirklich Gefahr laufen, fuer Geld gekidnappt zu werden, die Afghanen selbst sind. Kidnapping von Einheimischen ist weit verbreitet).

Zweites Querschnittsthema: Frau sein. Waehrend ich zunaechst darauf hinweisen will und es mir bewusst ist, dass auslaendische Frauen nicht das Gewicht der Erwartungen, Gefahren, Restriktionen und dem Druck ausgesetzt sind wie einheimische Frauen (was eine GANZ andere Kategorie und Dimension fuer sich ist!), so geht es doch auch nicht ohne zu erwaehnen, das seine auslaendische Frau in Kabul zu sein seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich bringt.

Waehrend auslaendische Maenner manchmal hinauswandern um auf einheimischen Bazaren etwas einzukaufen oder ein gelbes, einheimisches Taxi von A nach B nehmen –was natuerlich den Anweisungen von Sicherheitsfirmen, Arbeitsgebern und den Vorstellungen der meisten Expats nicht entspricht- so ist es noch etwas schwieriger als Frau allein. Und oft ist es wegen der Sicherheitslage und der Einschaetzung aller Beteiligten nicht drin ald Frau alleine spazieren/von einem Ort zum anderen oder etwas einkaufen zu gehen (nebst der Tatsache, dass es natuerlich hilft, der Sprache maechtig zu sein und es schon die ein oder andere Tuere oeffnet). Da Frauen im oeffentlichen Raum rarer gesaeht sind als Maenner und ihnen so die Blicke eher folgen, ist man gleich doppelt sichtbarer als Frau und Auslaenderin, die auch noch von einem zum anderen Ort geht. Exotisch und merkwuerdig. Waehrend andere Frauen  ein Laecheln mit mir teilen wie um zu sagen ‘hey, wir sind im gleichen Club!’ –vor allem einheimische, da mir auslaendische Frauen noch nicht draussen spazierend begegnet sind- so verlangsamen Maenner neben einem das Auto um mit einem zu reden. Die nervige Erfahrung entweder auf auslaendische Maenner oder Einheimische (auch meist maennlich, da Frauen draussen weniger unterwegs sind) angewiesen zu sein, ist ein taeglicher Begleiter, im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber eine Behinderung kann auch eine Moeglichkeit und Chance sein.

Geschminkt von Pashtunischen Frauen auf einer Verlobungsfeier

Geschminkt von Pashtunischen Frauen auf einer Verlobungsfeier

Da die afghanische Gesellschaft zu grossen Teilen in einen maennlichen und einen weiblichen Part aufgeteilt ist, so ist auslaendischen Maennern nicht viel, wenn ueberhaupt Kontakt mit einheimischer weiblicher Bevoelkerung beschieden. Es mag sein, dass sie niemals eine traditionelle Kueche sehen, oder die Frauenseite auf einer Nikah (einer traditionellen islamischen Hochzeit) oder dass sie kaum mit afghanischen Frauen reden (mit Ausnahme von hoeher gebildeten oder westlich ausgerichteten Schichten der Bevoelkerung oder Hazara Frauen). Mein Partner Adnan, der seit 10 ahren als Journalist und Photograph in Afghanistan arbeitet, hat nie die Ehefrau seiner Kontaktperson gesehen. Er ist mit ihm gereist, sein Leben wurde mehrfach durch ihn gerettet, er hat in seinem Haus fuer laengere Zeit gelebt, aber nie seine Frau getroffen.

Ich im Gegensatz dazu, bin ein Hybrid in diesem Fall. Als Frau kann ich den weiblichen Teil der Gesellschaft betreten, mit den Frauen ueber die charmanten oder unfaehigen Ehemaenner herziehen, einige Tonnen Make Up verpasst bekommen und das Essen in der Kueche vorkosten, wo die Hauspolitik gemacht wird. Als Auslaenderin bin ich soetwas wie ein drittes Geschlecht. Die offentlichen Raeume sind maennerdominiert, aber als  Auslaenderin   kann ich mit Maennern in Geschaeften reden, in Meetings mit Maennern sitzen und mit meinen Kollegen ueber ihre Traeume und Plaene schwatzen. Ich bin nicht als ‘Mann’ akzeptiert, aber als auslaendische Frau, da ich in eine andere Kategorie falle als die hier uebliche maennlich/weiblich Unterscheidung. Ich bin irgendwo dazwischen und so bekomme ich beide Seiten mit: Behinderungen und Herausforderungen mit all seinen mehrdeutig undeutigen Zwischentoenen.

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