Bergab in Istalif

Das erste was ich beim Aufwachen sehe, sind weisse Nebelschlieren. In Wirbeln und Drehungen umtanzt mein Atem sich selbst. Ich blicke zum Fenster und bestaune die Eisblumen, die am Fenster wachsen. Einfaches Fensterglas mit Klebefolie –ein jaemmerlicher Versuch die Kaelte draussen zu halten, die sowieso reinkommt.

Istalif

Unter den zwei Decken und in den Schlafsack eingehuellt versuche ich nach meiner Muetze zu fischen, die mir im Schlaf vom Kopf gerutscht ist und ziehe sie mir bis ueber die Augen um wieder in den Halbschlaf zu sinken. Je laenger ich den Wecker aufhalten kann, desto laenger kann ich noch schlafen…. zu spaet. Der Wecker klingelt zum vierten Mal und zu spaet bin ich eh. Ich spiele mit mir selbst Schnick-Schnack-Schnuck unter der Decke und verliere gegen mich, sodass ich aufstehen muss um den Gas-Ofen (hier liebevoll Gas-Bukhari genannt) anzumachen. Zentralheizung ist was fuer Waschlappen…oh wie gerne waere ich jetzt ein Waschlappen mit Zentralheizung! In Kabul gibt es vier Arten zu heizen: Holz/Kohleofen (gemuetlich aber braucht lange um ihn anzumachen), Elektroheizer (schlecht bei staendigem Stromausfall), Gasheizofen (kann man nicht lange/ueber Nacht anlassen, da man entweder Gefahr laeuft in die Luft zu fliegen oder nicht mehr aufzuwachen) oder gar nicht heizen (allein der Gedanke daran ist krass…).

way to Istalif

Auch das Wasser kann im Winter rar in Kabul sein: bei den meisten meiner Kollegen sind die Wasserrohre eingefroren und es gibt weder Klospuelung noch Dusche. Auch wohl keine Elektrodusche dann.

Ah! Heute gehts aber nicht zur Arbeit, sondern raus aus Kabul! Ich springe todesmutig in die Kaelte und in meine klammgefrorenen Kleidungsstuecke waehrend ich mich in der Gefahrenzone des Gasheizers drehe und wende, damit ich auftaue, jedoch kein Feuer fange…ja, das sind die wahren Gefaehrdungen im Kabuler Leben!

Das Auto vor der Tuer hupt und schon bin ich draussen. Und nach einer Stunde Fahrt bin ich in einer anderen Welt. Willkommen in Istalif! Fruehere Gaestepension Afghanistans, im Sommer reich beschenkt mit Obst, Nuessen, Maulbeeren und wunderbarem Bergblick, ethnographiert von Noah Coburn und im Winter Heimstaette des gefaehrlichen Hang-Rutsch-Spektakels!  300 Meter den Hang hinunter in halsbrecherischem Tempo! Es wird gerutscht auf den Fuessen oder auf einem Ziegenfell.  Einige ziehen sich extra Gummistiefel an um schneller zu rutschen. Sogar ein alter Mann saust todesmutig die Eisbahn hinunter! Und es ist eine wirkliche Eisbahn: wenn die ersten richtig kalten Tage kommen (Minus 10 Grad keine Seltenheit), bringen die Maenner des Dorfes Wassereimer raus zum Hang und formen den Schnee zu Eis. Ausdauernd wird Eimer um Eimer gebracht, den es ist ein mehrstuendiges Unterfangen bis eine feste Bahn geformt und ausgeglaettet ist.

“Willst Du nicht auch rutschen?”

Bisher habe ich nur an der Seite gestanden und mit Ehrfurcht die in Lichtgeschwindigkeit vorbei schnellenden Burschen und jungen Maenner beobachtet und fotografiert. Ich bin die einzige Frau hier. Was machen eigentlich die Frauen? Und wo haben die Spass? Nach einiger Ueberredung und dem permanenten Abwehren meinerseits mit einem Mann
zusammen runter zu rutschen, nehme ich das gefrorene Ziegfenfell beherzt zur Hand (sorry an alle Veganer/Vegetarier, die dies lesen!) und fahre schreiend und jauchzend zur Freude aller Beteiligter den Hang hinunter. Ein kleiner Junge sieht mich strahlend an und sagt: “Du haelst den Rekord. Du bist die schnellste Frau hier!” Leichter Sieg, wenn man die einzige ist…

Wie ich spaeter feststelle haben die Frauen des Dorfes kleinere Rutschbahnen in den Innenhoefen der Haeuser gebaut. Dort rutschen die kleinen Maedchen bishin zur 60 jaehrigen Grossmutter die Eisrutschbahnen hinter. Weniger gefaehrlich, da sie nicht so hoch, weit und schnell zu befahren sind. Dennoch ein Spektakel fuer sich als ich eine aeltere Frau sehe, die vorher wuerdevol die kleinen Maedchen betrachtet hat, wie sie mit Vollkaracho die Piste meistert! (Leider gibt es davon keine Bilder…)

Nachdem ich todesmutig die Piste runtergeschnellt bin (schneller als jede Bobbahn, die ich je als Kind oder Halberwachsene gefahren bin!), ermuntern mich die jungen Maenner nochmal zu fahren –mit ihnen zusammen! Wenn ich eines weiss, dann dass sich das am allerwenigsten ziemt (ganz zu schweigen von meinem eigenen Abhangrutschen…). So sehe ich den in windgeschwindigkeit herunter rutschenden, taumelnden, manchmal ineinander krachenden jungen Maennern zu, die so ihren Morgen verbringen und sinniere darueber nach, was die Staedter in Kabul so alles verpassen. Mich eingeschlossen.

Laut Schuja, der mich hier mit rausgenommen hat, gibt es diese Eisrennbahn schon seit ueber hundert Jahren (wobei ich nun die Frage nach Dokumentation und Zeitwahrnehmung nicht stelle, sondern hinnehme, dass es die Eisbahn schon unglaublich lange geben muss). Frueher verlief die Bahn im Dorf selbst, was aber durch die engen Gaenge meist mehr gefaehrlich als spassig war. Nach einer Reihe von Unfaellen wurde die  Eisbahn dann ausserhalb des Dorfes an den Hang verlagert, wo sie nun Jung und Alt den Winter im Geschwindigkeitsrausch versuesst.

1 Comment

Filed under danger, Deutsch, men, Out of Kabul, people, Surrounding, women

One response to “Bergab in Istalif

  1. Ganz toller Beitrag. Ich bin ganz gespannt auf weitere Beiträge dieser Art.

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