Bush Bazar (German Version)

In den Korridoren des Supermarktes herrscht globalisierte Leere. Cornflakes lehnen sich gegen Haferflocken, Schokoladentaefelchen gaehnen vor sich hin neben Auslagen von indischem Fertig-Gulab Jamen. Eifrige |Internationals| schieben sich aneinander und an den Auslagen vorbei. Genau dieselbe Szene koennte man wohl in New York oder Berlin (mit etwas mehr Bio und Tofu-Varianten) finden. Genau dieselben gelangweilten und langweiligen Gesichter. Und so sehe ich in die Leere der Globalisierung und gaehne zurueck. Das ist also Einkaufen in Kabul. Alles genauso zufriedenstellend, schnell zu finden wie in jedem anderen Supermarkt. Nur drei Mal so teuer. Willkommen bei Finest, denn so heisst der gute Laden.

Aber hatte mir nicht irgendwer von einheimischen Maerkten erzaehlt? Gemuesemaerkten, Bazaren auf denen man Messer und Luftmatratzen, Armeefutter und Dosenmilch kaufen kann? Klingt das nicht viel mehr nach Abenteuer, Spass und dem guten alten Bater? Flink ist die Nummer meines Abenteuer-Dealers gewaehlt und ein Treffen ausgemacht.

10 Uhr morgens, Bush Bazar.

Wuseliges Treiben durch kleine Gassen. Man stelle sich ein Gemisch aus kleiner Einkaufsstrasse mit glaesernen Ladenzeilen und Marktstaenden, von vornueber stehenden Daechern haengende Taschen, Maenteln und Schlafsaecken, aufgeschichtetem Bettzeug, kleinen Burgmauern aus Waschpulverkisten und einigen verstreut zu findenden Gemueseverkaeufern vor. Zwischendrin laufen Haendler, Verkaeufer mit Tabletts, die getrocknete Maulbeeren anbieten und natuerlich die Kunden. So wie wir.

Ich bin aufgeregt wie ein kleines Kind, da ich das Entdecken auf Maerkten liebe. Das Gewusel und das in Laeden hinein und herumstoebern, Feilschen und ueber einem guten Deal mit dem Verkaeufer eine Beziehung aufbauen, die sich im guenstigsten Fall ueber einem Tee zu einer voruebergehenden Freundschaft ausbaut.

Warum der Markt, im lokalen Slang ‘Bazar’, nun Bush Bazar heisst, ist genauso sagenumwogen wie einfach oder auch verdutzt machend erklaert. Ein guter Anteil der Waren (u.a. Militaerkleidung, MREs (‘Meals Ready to Eat’, die von Soldaten gegessen werden) und Armeeschuhe), wenn nicht sogar die meisten, sind entweder *vom Wagen\LKW\Jingle Truck gefallen* (zu gut deutsch> diebisch erbeutet worden) oder vom Ueberschuss der (George W.) Bush-Armee guenstig abgekauft worden um nun wieder neu verkauft zu werden. Viele Waren scheinen von der 50 km entfernt liegenden Bagram Base zu kommen… Ein Freund schlug halb scherzend vor den Markt auf ‘Obama Bazar’ umzutaufen, da ja nun die politischen Verhaeltnisse sich veraendert haetten.

Gestrandet an einem Gemuesestand laden wir gemeinsam die Tueten voll, sodas drei von uns schwer zu tragen haben. Tief durchatmend und das Portemonaie zueckend bereite ich mich auf das Feilschen und Runterhandeln vor.

“250 Afghani” sagt der Gemuesehaendler.

“Fuer die Gurken?” frage ich Ahmad, der neben mir steht und uebersetzt hat.

“Nein, fuer alles!” grinst Ahmad.

“Das ist…” mein Kopf rechnet kompliziert herum zwischen 5 US Dollar bis hin zu 3,50 Euro.

“Das ist weniger als ich fuer einen Bund Zwiebeln bei Finest bezahle!” strahle ich ihn unglaeubig an.

Die anderen fangen an zu lachen und Ahmad sagt: “wer kauft schon bei Finest…”

Weiter geht es durch die Korridore und mit Waren umwucherten Straesschen. Nichts, was e shier wohl nicht zu finden gibt. Westliche Dosennahrung en masse, festes Schuhwerk gefaellig oder doch eher ein Aufklappmesser fuer den Fall der Faelle? Junge Burschen laufen mit Schubkarren durch die Menge: sie bieten uns ihre Dienste an. Auch andere bezahlen sie als Einkaufsunterstuetzung. Ganz einfach die vielen Tueten in die Schubkarren gelegt und nochmal hier und da hingeeilt. Wir verneinen und schleppen unsere Tueten selbst –unter dem mitleidigen und neugierigen Grinsen der Jungen.

Manche Laeden sind vollkommen mit Shampoo und Kosmetika gefuellt, andere widerum sehen eher wie kleine Ecklaeden (in Berlin wuerden sie “Spaeti” heissen) aus. Waehrend die anderen nach Preisen von Matratzen fragen, sehe ich mich nach Kaese um. In einem der Laeden werde ich fuendig: der Verkaeufer zieht einen drei Kilogramm schweren Kaeseblock aus dem Eisfach. “Gibts den auch geschnitten oder stueckweise?” frage ich verbluefft. Und der Verkaeufer schuettelt nur lachend den Kopf. Ich werfe einen Blick zurueck in den Eisschrank und sehe eingepackten Schinken.

Schinken??! In einem muslimischen Land? Das kann nur von den Militaerbasen kommen, oder?  Und wer wuerde es hier kaufen? Ich zeige meinem Einkaufsmitstreiter der umstrittene Stueck Fleisch im Kuehlfach. Er lacht auf.

“Wahrscheinlich kaufen die Leute das fuer ihre Haustiere, beispielsweise die Wachhunde!”

Hunde und Schinken? Das heist dann wohl, dass die afghanischen Hunde mehr karnivor als muslimisch sind…

Ich nehme das drei Kilo Stueck Kaese mit mir mit und schliesse das Eisfach. Soll jemand anderes den Schinken kaufen. Ich kann dafuer zuhause ne Kaeseparty schmeissen…

2 Comments

Filed under Deutsch, Kabulistan, Surrounding

2 responses to “Bush Bazar (German Version)

  1. M

    Großartig nochmal😉 Freut mich dass die Zufuhr mit vergorener Milch am Stück gesichert ist und ich dahingehend keine Päckchen mehr schnüren muß😀

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