Teurer als Manhattan

Ich habe in leeren Hochhaeusern, Bauernhausern, Kunstprojekten, niedlichen Haeuschen auf Bergen und gemuetlichen Wohnungen in lebhaften Staedten gelebt. Ich habe auf den Teppichen in Bazaren geschlafen, auf dem Boden von Sprachschulen, in Gebetsraeumen und auf Designer-Sofas. Noch nie habe ich jedoch in einer so teuren Stadt wie Kabul gelebt!

Als mir ein Freund erzaehlte wie teuer die Hauptstadt Afghanistans sei, wollte ich vor Verzweiflung anfangen laut zu lachen und es als einen Scherz sehen – so weit entrueckt von meiner eigenen Realitaetswahrnehmung schien es mir. Ich hatte Mietswohnungen in Pakistan gefunden und selbst da hatten mir die Einheimischen gesagt, dass ich einen Auslaenderinnen-Preis –und damit viel zu viel- zahlen wuerde. Aber gegen die Kabuler Preise scheint Pakistan ein Mieterparadies zu sein.

“Also gibt es nichts unter 55US Dollar pro Nacht? Nicht ein einziges Gaestehaus?”

“Nunja, es gibt eine Hand voll Gaestehaeuser, die billiger sind. Vielleicht 30 Dollar oder 25, aber kein Auslaender uebernachtet da. Das ist zu gefaehrlich! Du brauchst einen Ort mit guten Sicherheitsvorkehrungen! Vor allem, wenn Du allein als Frau unterwegs bist! Aber, organisiert Dir Dein Arbeitsgeber keinen Ort zum wohnen?!”

Nein, macht er nicht. Und um ehrlich zu sein, bin ich froh darum. Die meisten Auslaender, die zum Arbeiten nach Kabul kommen, wohnen in sogenannten ‘Compounds’ or speziell angemieteten und zugeteilten Gasthaeusern mit hohen Mauern und vielen Sicherheitseinschraenkungen. Waehrend sie in diesen Compounds wohnen koennen sie nicht viel nach draussen in die eigentliche Stadt. Geschweige den sich frei bewegen. Sie muessen angeben, wann sie wohin mit wem und wie lange gehen und fuer die meisten von ihnen ist es fern ihrer Vorstellung alleine durch die Strassen schlendern zu koennen. Es ist ihnen nicht erlaubt, die einheimischen Taxis zu nehmen (die gelben Taxis) und manchmal duerfen sie noch nicht mal in den ‘sicheren’ Taxis fahren (weisse Taxis, die mindestens 5 Dollar kosten, egal wo man in der Stadt hin will). Diese Vorschriften beinhalten oft Ausgangssperren ab 10 oder 11 Uhr abends, sowie Vorschriften welche Cafes und Restaurants besucht werden duerfen und welche nicht. Wer sich nicht daran haelt und erwischt wird, kann mit seiner Kuendigung rechnen. Taschen packen und nach einem neuen Job suchen, heisst das dann.

Ich kam ohne jegliche Vorschriften. Ich kam allein nach Kabul.

Die Preise der sicheren Gasthaeuser (inclusive Fruehstueck) fangen ab 55 Dollar pro Nacht an. Die guenstigsten bewegen sich in der Preisspanne zwischen 50-80 US Dollar. Was vielleicht zunaechst noch bezahlbar wirkt, addiert sich ruck zuck zusammen. Ein Monat im guenstigsten Ort kostet 1650 Dollar! Falls der geneigte Leser immer noch denkt, dass das bezahlbar ist, weil er/sie selber gut verdient, bitte ich, diese Preise vor dem Hintergrund eines Studenten oder einer Person zu Beginn ihrer Karriere ohne jegliche Ruecklagen zu berechnen.

Ich beschloss, dass dies auf lange Sicht nicht bezahlbar fuer mich waere und begab mich auf Wohnungssuche in Kabul.

Die Moeglichkeiten variieren dabei mit der dem jeweiligen Aussehen der suchenden Person. Als einheimisch aussehende Person (mit dunklem Haar, braunen Augen oder dunklerer Hautfaerbung) mit halbwegs vernuenftigen Dario oder Pashto Kenntnissen (welche zwei der einheimischen Sprachen sind) duerfte es moeglich sein eine Wohnung in Microrayon oder einem anderen Teil der Stadt fuer rund 500 US Dollar monatlich oder sogar weniger zu finden. Diese Moeglichkeit stand mir als blonder-hellhaeutiger-blau-aeugiger-Auslaenderin nicht zur Verfuegung. Mir wurde gesagt, ich solle mir etwas suchen, was sicher sei. Aber was ist sicher? Ein Platz mit Sicherheitsleuten, der aber dadurch leicht ausgemacht werden kann? Oder besser ein nicht so sichtbares privates Haus? Und was fuer eine Nachbarschaft soll es sein? Eine mit vielen anderen Auslaendern, in der ich nicht so auffalle? Oder eine gemischte Nachbarschaft mit Afghanen, die nicht so anfaellig fuer Selbstmordattentaeter oder Entfuehrungen ist? Und dann: sollte es Nahe von offiziellen Gebaeuden sein, da die Zufahrtswege gesichert sind oder besser lieber ganz weit weg von all diesem, damit man nicht selbst in die Gefahr dieser moeglichen Zielscheiben gezogen wird?

Viele Fragen und keine einfachen Antworten.

“ Frieden ist keine statische Sache; es ist vielmehr das beste Beispiel fuer Gleichgewicht in Bewegung” schrieb Herr Rowlett eines Tages an Vikram Seth.

So wie dies fuer die generelle Situation in einem krisensgeschuettelten Ort (einer Beziehung, einer inneren Geistesverfassung, ersetzt es wie ihr moegt) richtig ist, so ist dies auch wahr dafuer, den richtigen Ort zum Leben in einem Ort wie Kabul zu finden. Also wo anfangen? Ich sah die Anzeigen im Kabul Survival Guide durch und fand mehrere Angebot. Die Preise fingen bei 800 US Dollar fuer einen 12 qm Raum an und gingen in die Tausender (70 qm fuer 2000 Dollar, zum Beispiel). Natuerlich summiert sich das Ganze, wenn man mit einem Lebenspartner dort wohnen will. Es bleibt nicht bei den 800 US Dollar, wenn der Partner in einen kleinen Raum mit einzieht, dieselbe Heizung oder Gluehbirne benutzt…natuerlich steigt es dann auf 1200 US Dollar pro Monat. Das ist Kabuler Logik.

Manche vermuten, dass die Preise fallen, sobald die Truppen in 2014/15 abziehen, aber wer weiss, wo ich dann sein werde. Also entschied ich mich fuer einen Platz, einen farbenfrohen. Einer Art Gross-WG in einem zweistoeckigen Haus mit einem Berater aus Kanada, einer tuerkischen Mitbewohnerin auf Arbeitssuche, einem Berater fuer Mikrofinanzen aus Kenia und einer amerikanischen Klavierlehrerin. Die Stimmung ist entspannt und manchmal ausgelassen. Zumindest bis ich daran denke, wieviel ich dafuer zahle…

2 Comments

Filed under Deutsch, Kabulistan, Surrounding

2 responses to “Teurer als Manhattan

  1. Eine scharfe Analyse des Thema “Sicherheit”.

    Das ist genau die Frage die man sich in Pakistan stellt wenn man von einer Polizeieskorte dazu gezwungen wird auf dem Polizeiquartier zu übernachten.

  2. Wie fühlt man sich wohl aus Ausländer wenn einem der Arbeitgeber all diese Regeln auferlegt? Unsicher? Verängstigt?
    Dazu würde ich gerne mal ein paar Interviews lesen!

    Jetzt weiss ich auch wieso Botschaftsangestellte so ängstlich sein können. die haben wohl auch je Land so einen Regelkatalog.

    Freue mich für dich bist du da nicht reingeraten.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s