Jokertag

Der See ist fast auf die Hälfte seiner Existenz zusammengeschrumpft. Wir spazieren an seinen Ufern entlang. Unsere Hände suchen nach Steinen, die wir über das Wasser flippen lassen können. Wir versuchen, warm zu bleiben. Es ist Dezember. Keine Touristensaison. Noch nicht mal in Kabul.

Plattformen zum sitzen überblicken den See. Keine von ihnen ist besetzt. Die Geschäfte sind alle geschlossen und die Besitzer nicht in Sicht. Nur ein Verkäufer sitzt in der Nähe der Schwanenboote, die normalerweise die Sonntagsausflügler über den See treiben lassen (was hier an Freitagen und nicht an Sonnragen passiert, da der Freitag hier DER freie Tag der Woche ist). Dies ist der Ort für Sommerausflüge, an den sich die Stadtbewohner Kabuls in ihrer Freizeit flüchten können bevor sie wieder in Kabuls Rummel zurückgespien werden.

Heute bin ich unterwegs mit den Jungs. Eine Gruppe afghanischer junger Männer meinen Alters, die ich durch einen gemeinsamen amerikanischen Freund kennengelernt habe, der mit ihnen gearbeitet hatte. Sie scheinen vertrauenswürdig und es macht Spass mit ihnen unterwegs zu sein. Wir witzeln herum, strecken die Arme im Wind aus während wir mit einem Motorboot um den See fahren und finden das einzige offene Restaurant in dem wir Wasserpfeife rauchen können. Und es ist entspannt. Keine Anmachen von ihnen -was hier rar gesäht ist und damit meine ich nicht die afghanischen Männer, sondern würde eher sagen, dass die Szene der international hier Arbeitenden anstrengend nervig ist…-

Aus der Stadt heraus zu sein, ist wie endlich atmen zu können. Und das im doppelten Sinne. Auf der einen Seite ist Kabul einer verschmutzte Stadt mit zu vielen Autos und einem alles besiegenden Staub, der sich in jede Rille der Lungen legt. Andererseits hat die Stadt aber noch eine andere Art von Klebrigkeit, die sich aus der unstabilen Sicherheitslage und einem Mangel an Freizeitorten zusammensetzt. Es gibt fast nirgendwo in der Stadt die Möglichkeit, Spazieren zu gehen. Es gibt keine Bänke, auf denen man von Bäumen beschattet Abstand nehmen kann von dem Straßenleben, das einen geradezu anschreit auf Schritt und Tritt. Die Zufluchtsorte in einer Stadt, die in einem ständigen Bewegungsstrom zu sein scheint, scheinen wenige Cafes, die Orte, die sich Zuhause nennen oder der Arbeitsplatz zu sein. Aber wer will schon immer von Wänden umgeben und eingesperrt sein? Hört der Verstand nicht auf sich auszudehnen in einem Umfeld, das die Sicht und die Möglichkeit herauszuschauen, herumzuwandern und zu erkunden?

Der Qargha-See ist nur 9 km von Kabul entfernt. Ein Wasserresservoir, das gleich neben einem kargen Landstrich angesiedelt ist, welcher als Golfclub genutzt wird.Grünes, gepflegtes Gras gibt es auf dem Golfplatz nicht, dafür aber einen ambitionierten Mann, der den Golfclub am Leben hält. Hier gibt es eine kleine Dokumentation über ihn. (Nur nebenbei: ‘Kabul at work’ ist ein Dokumentarprojekt von David Gill, das den Menschen Kabuls ein Gesicht gibt und sie an und mit ihren verschiedenen Arbeitsplätzen zeigt. Das findet ihr im Link…)

Der See mag im Sommer noch schöner sein, aber ich vermute, dass er dann von Menschen überrannt sein wird, da er nahe an Kabul liegt. Im Winter ist dieser Ort ruhig, weitläufig und lässt Raum zum gehen, atmen und denken … alles rare Güter in einer Stadt wie Kabulistan.

2 Comments

Filed under Deutsch, Kabulistan, Out of Kabul, people, Surrounding

2 responses to “Jokertag

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