Eiscreme-Heldin

Meine erste Tat als Heldin manifestierte sich in Eiscreme. Tolo-e-super Eiscreme, um genau zu sein.

 

Aber was ist so heroisch an Eiscreme? Und warum mache ich darum so einen großen Wirbel?

 

Wenn ich an einem neuen Ort bin, versuche ich zuerst meine Hausaufgaben zu machen und die Regeln zu lernen Entweder von den Einheimischen -weil die es am besten wissen- oder von den anderen internationalen Leuten -weil sie in der selben Situation stecken. In Afghanistan zu sein ist eine ganz neue Herausforderung in dieser Übung. Ich habe vorher in Pakistan gelebt und auch dort manchmal die Ratschläge von Einheimischen ignoriert um Taxis oder die sogenannten ‘fliegenden Busse’ an Straßenecken anzuhalten,  irgendwo entlang zu schlendern und frisch gepresste Mango Lassis oder Chai (Tee) zu trinken während ich das Starren der einheimischen Männer ignorierte. Ich machte das, weil ich das Gefühl hatte, dass ich es konnte und weil ich mich sicher fühlte. Und weil ich neugierig und interessiert war und wissen wollte, wie die Dinge so sind. Mein Partner und häufiger Reisebegleiter sagte mir dieser Tage: Afghanistan ist nicht Pakistan. Du kannst dich nicht einfach verhalten als wenn du dort wärest.

Aber wie soll ich mich verhalten? Meine deutsche Art ist nicht die richtige, meine türkische und pakistanische passt aber auch nicht. Was tun?

 

Neu an einem Ort zu sein bedeutet seine eigenen Sicherheitsvorstellungen neu einzupegeln. Anderen zuzuhören, was sie zu sagen haben und langsam zu lernen, wo es besser ist das zu tun was sie sagen und wo man auch die Grenzen manchmal überschreiten kann.

 

Als ich an diesen ersten Tagen in diesem neuen Land aufwache, weiß ich all das noch nicht. Ich weiß, dass andere NGO-Arbeiter mir gesagt haben, dass ich lieber drinnen bleiben sollte, da es Eid wäre und die Situation eher angespannt sei. (Später sollte ich herausfinden, dass die meisten selbst wenn sie wollten, nie draußen spazieren gehen können, da die Sicherheitsvorschriften ihrer Organisationen das nicht erlauben…) Der Rezeptionist meines Gästehauses sagte auf der andern Seite, dass es gar kein Problem sei in der Gegend und im nahe gelegenen Park spazieren zu gehen. Aber er ist ein Mann. Und was Männer dürfen und was Frauen erlaubt ist, sind zwei paar verschiedene Schuhe in diesem Land. Was Einheimische oder einheimisch aussehende Menschen können im Vergleich zu mitteleuropäischen, hellhäutigen, blonden Frauen, ist wiederum etwas ganz anderes.

 

Wird es in Ordnung sein, wenn ich das umzäunte Gästehaus verlasse und einen Spaziergang mache? Auch wenn ich weiß, dass „einen Spaziergang machen“ etwas sehr europäisches ist und selbst in Pakistan nicht wirklich verstanden wurde? Dort wurde ich, als ich alleine als Frau von einem Ort zum anderen ging, gefragt, ob mir bewusst sei, dass es auch Taxis gäbe…

 

Also ziehe ich meinen Mantel an, was weniger mit dem Wetter zu tun hat als mit dem Sicherheitsgefühl von einem mich umschließenden weiteren Kleidungsstück. Ich lege mein Kopftuch um, welches mein blondes Haar größtenteils verdecken wird, stecke mir ein paar Afghani (die einheimische Währung) in meine Taschen und gehe aus der Tür. Zwei Mal, da es nach dem Sicherheitscheck noch eine zweite Tür gibt. Beim durch die Straßen gehen sehe ich die vorbei schnellenden Autos, junge Männer, die in Gruppen gehen, Kinder auf dem nahe gelegenen Spielplatz. Keine Frauen, nur zwei kleine Mädchen, die mit ihren neuen funkelnden Eid-Kleidern von einem zum anderen Haus gehen (Eid ist sowas wie in Deutschland für viele Weihnachten: neue Klamotten werden gekauft, es gibt Geschenke für die Familie, Verwandte besuchen sich gegenseitig und es werden Unmengen von Essen vertilgt). Ich gehe die Straße entlang, fühle die Spannung in mir, meine Schultern hochgezogen als wenn sie Blicke abwehren könnten. Ich rede auf mich selbst ein, zu entspannen. Ich sage mir, schau es Dir an und beobachte. Da gibt es ein Kino in der Nähe, in dem die neusten Filme gezeigt werden -alle mir unbekannt- . Davor steht ein Kicker mit einer Traube junger Afghanen drum herum, die fieberhaft gegeneinander in Teams antreten. Da gibt es Straßenstände mit Essen und ein Burger-Restaurant und einen Eiscremeladen. Da werde ich hingehen, sage ich mir selbst, und warte auf eine Gelegenheit um zwischen den Autos hindurch die Straße zu wechseln. Ich gehe schnurrstracks darauf hinzu, die Blicke der Männer ignorierend. Ich höre die laute Musik, die aus einem Auto mit ein paar Jugendlichen plärrt. Ein junger Mann tut als wenn er anfangen würde zu tanzen, begleitet von heftigem Gelächter und Gejohle. Mein Schritt wird leichter.

 

Als ich den Tolo-e-super-Eiscreme-laden betrete mit den zwei jungen Mädchen vor mir, registriere ich, dass der Raum nur mit Männern gefüllt ist. Ich gehe zum Tresen, frage nach der Eiscreme und wünsche dem Verkäufer ein ‘eid mubarak’ (ein fröhliches Eid-Fest), der mir nur verwundert hinterher starrt als ich gehe. Das Eis hat Pistazien oben drauf und besteht aus vier verschiedenen Sorten, gekrönt mitr Sauce und einem Keks.

 

Ruhigeren Schrittes gehe ich zurück zu meinem Gästehaus. Der Wachmann wundert sich als er mich sieht. Und ich wundere mich auch, da ich die ersten Meter alleine Hand in Hand mit meiner Angst spazieren gegangen bin. Eine Angst, die ihre Kraft aus Unwissenheit und dem Glauben, dass alles möglich ist, speist. Ich kenne die Regeln immer noch nicht. Weder ob ich sie gehalten oder gebrochen habe. Aber ich werde sie lernen. Um sie zu verstehen, zu halten und manchmal zu brechen.

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3 responses to “Eiscreme-Heldin

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    Gut gemacht Mädchen😀 Kindern folgen und Eiscreme kaufen – ich hoffe, dass sich das mittlerweile einbischen relativiert hat alles!
    Gruß und Kuß aus Bonn
    M

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