Afghanische Adoption (deutsche Version)

„Ob Du’s mir glaubst oder nicht: Ich erinnere mich noch daran als diese Bäume hier in diesem Park gepflanzt wurden!“

 

Habib lächelt hoch zu den Sonnenlicht einfangenden Ästen, die mit dem Wind zu spielen scheinen. Er geht langsam als wenn er jeden Schritt erst vorsichtig antesten würde. Vielleicht muss er das auch, da ihm seine Knie manchmal den Dienst versagen und seine Füße ihn schon seit über 60 Jahren auf verschlungenen Lebenswegen getragen haben.

 

„Das erste Mal nach Europa kam ich auf einem Motorrad! Ich fuhr mit einem jungen Briten von Kabul nach London. Seitdem habe ich diese Reise viele Male gemacht…ich habe Busse nach Kabul exportiert. Damals war es einfach. Ich schrieb eine Annonce in der Zeitung aus und fragte nach, wer mit mir die Autos nach Afghanistan fahren wollte. Es meldeten sich mehr als zwanzig junge Leute, die dann mitkamen! Das waren andere Zeiten, Liebling! Die Wege waren sicher und man konnte unbeschwehrt reisen. Und es war günstig! Stell Dir nur vor, ich habe in London für 5 Pound pro Nacht gewohnt. Mit Frühstück! Heutzutage würde man dafür noch nicht mal mehr ein vernünftiges Frühstück bekommen!“

 

Sein Lächeln nimmt sein gesamtes Gesicht ein, das mehr an einen sanften Weihnachtsmann erinnert als an einen alten Kabuli (einen Bewohner Kabuls). Vielleicht sind das die Auswirkungen der Jahre an der Westküste der USA . Und wenn nicht, dann haben diese Jahre zumindest Auswirkungen auf seinen Akzent gehabt, der in stark amerikanischem Englisch von den Begebenheiten erzählt

 

„Süße, hättest Du Dir das vorgestellt?“ fragt er mich plötzlich „all diese jungen Männer, die hier wie verrückt geworden Runde um Runde drehen. Und das ist ein Park! Der ist zum Spazierengehen da! Aufhören sollen die!“

 

Er zeigt auf die minderjährigen Afghanen, die mit Motorrädern, Mopeds und Rollern durch den Park heizen nachdem sie die Polizei für ihr kleines Vergnügen geschmiert haben. Er schreit sie an wenn sie vorbeifahren und versucht sie anzuhalten um mit ihnen zu reden.

 

„Das macht doch keinen Unterschied“, sagt Noor, der zu meiner anderen Seite geht. „Selbst wenn Du mit einem redest, der es dann versteht, gibt es wieder hundert andere, die genau das selbe machen werden. Das verändert doch nichts!“

 

Noor und Habib haben mich sowas wie adoptiert seitdem ich ins Gästehaus eingezogen bin. Sie sind beide ursprünglich aus Afghanistan und irgendwann dann in die Staaten emigriert. Beide zog es hierhin zurück. Sie trafen sich im Gästehaus, so wie ich die beiden wenig später treffen sollte. Überrascht darüber, dass sie beide mittlerweile in San Francisco wohnen, fingen sie an mehr miteinander zu reden und als ich noch dazu stieß waren die drei Musketiere komplett. Gemeinsam chai sabs (grünen Tee) nach dem Abendessen trinken, Granatäpfelkerne in rauen Mengen genießen, über die guten alten Zeiten in Kabul reden und über den derzeitigen Zustand seufzen.

 

„Als ich im Sommer zurück nach Kabul kam“ erinnert sich Habib, „saß ich die ganze Nacht auf dem Dach meines leeren Hauses. Ich trank Tee oder ein Bier und schaute Kabul bei Nacht an. Manchmal bis zum Sonnenaufgang. Ich versuchte zu vestehen was und und wie schnell sich alles geändert hat.“

 

Und es muss viel sein, was sich in den letzten 40 Jahren gewandelt hat seitdem er jung war. Nicht nur die Kriege mit den verschiedenen Besatzungsmächten oder der Strom von Tausenden Menschen aus verschiedenen Provinzen, die in der Hauptstadt auf ein besseres Leben hoffen und die nun mit über drei Millionen Menschen eine Stadt füllen, die für eine Millionen gebaut war. „Der Berg da drüben war komplett bewaldet.“ erzählt Habib und zeigt auf das hügelige Plateau auf dem sich das Munitionsdurchlöcherte Fort, das nun ein Militärposten ist, erhebt. „Jungen und Mädchen trafen sich da heimlich. Wir gingen gemeinsam spazieren und hatten Zeit miteinander zu reden. Das waren gute Zeiten.“

 

Wenn Habib redet habe ich nicht nur das Gefühl einem alten Mann zuzuhören, der seiner verschleierten Erinnerung der besseren Vergangenheit nachhängt. In seinen Worten klingt der ehrliche Wunsch mit, dass seine Stadt wieder erblühen könnte wie er sie einst gesehen hat. Er redet mit manchmal traurigem Blick aber immer mit einem Zwinkern im Augenwinkel. Als ich ihn frage, ob und wenn ja, wie ich mich alleine in Kabul in den Straßen bewegen kann, fängt er schallend an zu lachen und sagt grinsend: „nicht nackt!“

2 Comments

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2 responses to “Afghanische Adoption (deutsche Version)

  1. Der Text ist wirklich wunderschön geschrieben. Und auch wenn die Geschichte an die er mich erinnert, nicht der Wirklichkeit entspricht, so musste ich doch grade an den Drachenläufer denken🙂

  2. Admiring the persistence you put into your site and in depth information you provide. It’s good to come across a blog every once in a while that isn’t the same outdated rehashed information. Wonderful read! I’ve bookmarked your site and I’m including your RSS feeds to my Google account.

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